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Kurt Scharf berichtete 1979 von Leben der Bekennenden Gemeinden Sachsenhausen und Friedrichsthal und was sie vom Konzentrationslager mitbekam:

Die Gemeinden in Sachsenhausen und Friedrichthal „hörten was im Lager vor sich ging durch (...) Kaufleute, die das Lager zu beliefern hatten und Handwerker, die Reparaturen durchzuführen oder anzuleiten hatten, (...). Sie kamen in unsere Bibelstunde und Bekenntnisversammlungen, in denen berichtet wurde über die Ereignisse in Deutschland. (...) Sie kamen und erzählten, was sie (dort) gesehen hatten und was sie bedrückte. Es war in den ersten Jahren schlimm, es wurde nach Kriegsausbruch und dann besonders nach 1941 grauenvoll. (...)

Manchen Monat Nacht für Nacht, andere Zeiten Woche für Woche kamen auf dem kleinen Sachsenhausen Bahnhof Transportzüge, Viehwagen vollgepresst mit russischen Kriegsgefangenen (...). Und dann wurden die Türen aufgerissen und die SS-Leute, die den Zug bewacht hatten, peitschten die Gefangenen heraus mit Lederpeitschen an deren Spitzen sich Bleikugeln befanden. Ein Großer Teil von den Gefangenen stolperte auf den Bahnsteig, um dort zu verenden, weil sie am Ende ihrer Kraft waren. Sie waren aus Russland in solchen Viehwagen transportiert worden, vielfach ohne unterwegs Verpflegung zu bekommen oder eine Ruhepause zu haben. Also ganz dicht gedrängt stehend in den Wagen. Viele waren auf dem Transport verstorben. Ihre Leichen wurden dann auf dem Bahnsteig gestapelt. Aber bis zum Morgen, bis die ersten Arbeiter nach Berlin hineinfuhren, musste das alles wieder beseitigt werden. Der damalige Bahnhofsvorsteher, ein treues Glied unserer Gemeinde und seine Frau waren fast täglich bei uns, um ihren Herzen Luft zu machen, um einfach los zu werden, was sie nicht bei sich behalten konnten. Das Entsetzen über die grauenvollen Vorgänge wieder in der vergangenen Nacht.

Unsere Gemeinde hatte Mitleid mit den Häftlingen. Aber was konnten wir für sie tun? An das Lager heranzukommen war nicht. Anfang 1937 konnte man noch um das Lager herumwandern und durch den Stacheldraht hineinschauen. Aber dann wurden hohe Mauern errichtet und die Wachtürme und Patrolien umkreisten das Lager. (...) Und es war verboten sich irgendwie in die Nähe des Lagers zu begeben - außer eben Handwerker oder Kaufleute. (...)

Was konnten wir für sie tun? Wir konnten nur das tun, was ja nun das Zentrum christlichen Gemeindelebens ist, ihrer Gedenken in unseren Gottesdiensten, in den Bibelstunden in den Bekenntnisversammlungen.(...) Wir konnten berichten und wir haben (in Sachsenhausen und Friedrichthal) vom 2.März 1938 an jeden Abend eine Fürbittenandacht gehalten für die Häftlinge.(...) Bis etwas 1940, immer mit Glockengeläut. (...) Zunächst in der Kirche und als die Kirche uns gesperrt wurde, dann in den Wohnungen der Kirchenältesten, der Gemeindeglieder und im Pfarrhaus.“

Der Großteil der sowjetischen Kriegsgefangenen, von denen Kurt Scharf berichtete, wurden 1941 umgebracht. 18.000 wurden während einer vorgetäuschten medizinischen Untersuchung durch einen Genickschuss getötet. Täglich wurden dann im Herbst 1941 300 - 500 Leichen in extra gebauten Öfen verbrannt.

Wie und in welchem Ausmaß im Lager Menschen umgebracht wurden, konnte man nicht wissen - höchstens ahnen. Aber aus dem Berichten von Kurt Scharf und anderen wissen wir, dass man durch mitteilsame SS-Leute, Handwerker und Händler, erfuhr, dass Schreckliches im Lager vor sich ging. Auch durch solche Beobachtungen am Bahnhof und oder bei Häftlingskolonnen auf den Straßen konnte man eine Ahnung von dem mörderischen Charakter des Lagers bekommen. Auch dass Leichen verbrannt wurden haben Sachsenhausener mitbekommen. Sie berichten: Wenn der Wind aus Richtung des Lagers kam, dann konnten sie den süßlichen Rauch der Schornsteine riechen.

Wer hinhörte und hinsah, ahnte oder wusste, - wenn auch nicht im Ausmaß - was hier Schreckliches geschah.

Wie hilflos aber wirkt gegen all das Schreckliche das Handeln der Bekennenden Kirche. Was konnte sie mit ihren Fürbittandachten und dem Glockengeläut schon bewirken?!
Auch Kurt Scharf fragte ja so: „Was konnten wir für die Häftlinge tun? Wir konnten nur das tun, was das Zentrum christlichen Gemeindelebens ist: ihrer Gedenken in unseren Gottesdiensten, in den Bibelstunden in Fürbittenandachten mit Glockengeläut.“


Auch wenn die Bekennende Kirche dem Ausmaß und der Gewalt des Unrechts hilflos gegenüberstand, so ist doch nicht zu unterschätzen, was es bedeutete, dass sich Christen zum Gebet versammelten. Denn das rechte Handeln von Christen beginnt mit dem rechten Beten. Beten ist mehr als eine private Glaubensäußerung. Wer betet demonstriert nicht seine Frömmigkeit. Im Gebet vertraut man sich Gott an. Und wenn im Gebet Gott das Leid anderer Menschen geklagt, ja ans Herz gelegt wird, dann findet in gleichzeitig auch eine politische Besinnung statt. Denn die Beantwortung der Frage, wer hier eigentlich Gott ist, vor wem die Gemeinde ihre Knie zu beugen hat, hat auch eine politische Seite. Wessen Wort Christen zu hören haben und wem sie die Hörigkeit zu verweigern haben, solche politischen Fragen werden im Gebet beantwortet.
- Wo sich also Christen zum Gebet trafen und den wahren Gott anriefen, da war die Versuchung gebannt, einem anderen Messias und "Führer" zu erliegen.

Karsten Minkner
erstellt von Stefan Determann am 19.09.2012, zuletzt bearbeitet am 16.12.2013
veröffentlicht unter: Geschichte der Bekennenden Kirche in Sachsenhausen