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Ein ganz seltenes Exemplar
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Ein ganz seltenes Exemplar

Die Neuholländer Kirche ist „Dorfkirche des Monats“ (Dezember) in Berlin-Brandenburg - ein Artikel aus der MAZ von Stefan Blumberg

Neuholland. Sie ist in vielerlei Hinsicht ein besonderes Exemplar, die Neuholländer Kirche. Da wäre der Standort: genau genommen befindet sich das Gotteshaus in der Mitte des Ortes. Dennoch liegt sie abseits des Kerndorfes. Dies begründet sich mit der Größe Neuhollands. Bei der Entstehung des Ortes wurde vor (vermutlich) 364 Jahren die Kirche in zentraler Lage gebaut. „Gefühlt“ stimmt das nicht, denn dies deckt sich nicht mit dem heutigen Ortskern, sondern ist der Schnittpunkt der weit auseinanderliegenden Höfe. „Deshalb ist sie mittig“, sagt Katrin Lutze, Vorsitzende des Fördervereins Kirche zu Neuholland. Ein paar Meter von der Landesstraße?213, umgeben von hochgewachsenen Bäumen und deshalb leicht versteckt befindet sich die Kirche.

Da wäre das Alter: Die Kirche ist 307 Jahre alt. Während die Dorfkirchen in der Region weitestgehend aus dem 13. Jahrhundert stammen (Grüneberg, Bergsdorf, Falkenthal), gilt die aus Neuholland als „junges Küken“. Das hat mit dem zarten Alter des gesamten Ortes zu tun. Holländische Siedler meliorierten die Region und ließen sich nieder, bauten auf den landschaftlichen Erhebungen. „Die Kirche selbst befindet sich auf dem höchsten Punkt“, sagt Kathrin Seifert, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates.

Da wäre die historische Bedeutung der Kirche: Friedrich I. hat den Bau der Kirche bei den Bauern in Auftrag gegeben und war bei der Einweihung durch den damaligen Bischof zugegen. „Das Kirchengebäude sei ein steinerner Zeitzeuge der Entstehung Neuhollands, es sei damit ein unübersehbares Zeichen der Kultur und der Geschichte dieser Region Brandenburgs“. Das schrieb der ehemalige Brandenburger Ministerpräsident Manfred Stolpe im Vorwort des Buches „Neuholland“, das Jörn Lehmann 2010 aus Anlass 300 Jahre Kirche Neuholland gemeinsam mit dem RiegerVerlag herausgebracht hatte.

Da wäre die Optik: Auf den ersten Blick vermutet man hinter den Mauern nicht unbedingt eine Kirche. Sie ist weitestgehend quadratisch, die Mauern sind von außen verputzt, sie ist nicht hoch, besitzt ein Pyramidendach, es fehlt ein Turm. In den letzten Kriegstagen 1945 wurde die Kirche zerstört. Es dauerte Jahre, bis die Wiederaufbauarbeiten in die Gänge kamen. 1954 wurde der Dachstuhl gesetzt, auch wenn noch 2500 Dachziegel fehlten. Es folgten wieder Jahre des Stillstands, bis in die 70er-Jahre hin­ein. Irgendwie wurde die Kirche dann doch noch fertiggestellt. Allerdings ohne Turm und deshalb ohne Glocke; die befindet sich ein paar Meter neben der Kirche. Sie wird manuell betätigt.

Da wäre die Orgel: Seit der Zerstörung der Kirche besaß sie auch keine Orgel. Christel Gottemeier, heute Mitglied des Gemeindekirchenrates und des Fördervereins, haben es die Neuholländer zu verdanken, dass im kommenden Jahr (20. September) zehnjähriges Bestehen der Orgel gefeiert werden kann. Sie hatte beim Orgelunterricht in Rheinsberg von einer zum Verkauf stehenden Orgel in Mieste (Sachsen-Anhalt) erfahren und fädelte den Coup ein. Mit Helfern, Spendern und viel Willen wurde die Orgel nach Neuholland geholt; finanziert unter anderem von einem anonym gebliebenen Spender und Orgelpfeifenverkäufen.

Da wäre die (weitere) Ausstattung: In den vergangenen etwa zehn Jahren gewann die Kirche an Qualität dazu. Neben der Orgel sind das insbesondere Arbeiten des im Ort wohnenden Bildhauers und Künstlers Lothar Köhn. Er unterstützte den Orgeleinbau und fertigte ein zwei mal drei Meter großes Holzrelief aus Lindenholz. Nicht zuletzt zauberte er einen Altar zurecht. Und es gebe zwei Bilder, die dem Innenraum noch mehr Stimmung verleihen: das Bild von Marie-Claire Feltin hat die Kirche gekauft und in Raten abbezahlt, dann hängt ein Bild vom Maler von der Molen – eine Dauerleihgabe – an der Wand.

Das alles muss bei der Bewertung der Aktion „Dorfkirche des Monats“ eine große Rolle spielt haben. Die Neuholländer waren selbst überrascht, dass sie den Titel für Dezember 2017 erhaschen konnten. „Eigentlich war es Zufall“, sagt Katrin Lutze über das Zustandekommen der Ehrung. „Wir sind im Förderverein Alte Kirchen in Berlin-Brandenburg, der diesen Titel vergibt“, erklärt sie. Ein Mitglied des Fördervereins sei im November in Neuholland gewesen, habe sich die Kirche angesehen – und sie offenbar für gut befunden.

Die Kirchenverantwortlichen aus Neuholland können aus Erfahrung sagen, „dass die Menschen gern hierherkommen und sich in der Kirche wohlfühlen“ (Christel Gottemeier). Sie sei nicht düster, sondern wegen des blauen Fensters hell, findet Kathrin Seifert. Sie sei kultur- und identitätsstiftend und spiegele die Ortsgeschichte wider.

Der 2016 gegründete Förderverein setzt sich dafür ein, die denkmalgeschützte Kirche und den dazugehörigen Friedhof zu erhalten oder weiterzuentwickeln. Eine der nächsten Aufgaben ist es, den Holzwurm zu bekämpfen, der sich in den Holzbalken breitgemacht hat. Und dann gibt es da ja noch diesen Traum, wie Katrin Lutze feststellte: „Es wäre schön, wenn wir die Kirche wieder in den Ursprung zurückversetzen können – mit Turm!“
erstellt von Mathias Wolf am 28.12.2017, zuletzt bearbeitet am 29.03.2018
veröffentlicht unter: Aktuelles aus dem Pfarrsprengel