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Der Abschied fällt nicht leicht
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Der Abschied fällt nicht leicht

Ein Artikel aus dem Neuen Granseer Tageblatt von Bert Wittke

Grüneberg. „Nicht alle Tage waren leicht“, sagt Gerhard Gabriel und der Blick hinter den Brillengläsern wirkt ernst. Doch sofort hellt sich seine Miene wieder auf und er fügt hinzu: „Doch jeder Tag war spannend und schön.“
Klingt nach einem Resümee und das ist es auch. Gerhard Gabriel wird morgen in den Ruhestand versetzt. Auf der Tafel vor dem Pfarrhaus in Grüneberg steht es für jeden lesbar mit Kreide geschrieben. Der 65-Jährige nimmt Abschied. Abschied davon, den schwarzen Talar anzuziehen. Abschied vom Taufen, davon, Liebende zu trauen und Gestorbene zu betrauern. Loslassen von einem Beruf, der für ihn immer auch Berufung war? Kann ein Mann wie er das überhaupt? Einer, der für selbstloses, engagiertes Wirken als Christenmensch das Bundesverdienstkreuz in Empfang nehmen durfte? „Ich werde es lernen müssen“, ist seine kurze Antwort. Doch man sieht Gerhard Gabriel an, dass die Gelassenheit gespielt ist.
Gerhard Gabriel wollte immer Pfarrer werden. Der Vater war Pfarrer, der Großvater, der Urgroßvater. Gerhard Gabriel erinnert sich, wie sein Vater einst während der Passionszeit in Farsleben predigte, in einem halb verfallenen Pfarrhaus. In diesen eher trostlos anmutenden Augenblicken reifte in Gerhard Gabriel der Wunsch, Theologie zu studieren.
Es waren immer die einfachen Menschen, die ihm am Herzen lagen. Von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie war Gerhard Gabriel „schwer beeindruckt“, wie er heute sagt. Soziale Verantwortung für die Menschen übernehmen, das wollte er auch. Er lehnte es ab, Domprediger in Berlin zu werden oder Superintendent eines Kirchenkreises. „Das Gemeindepfarramt ist die Krone unseres Berufes“, hat Vater Christfried immer gesagt. „Er hatte recht“, weiß Gerhard Gabriel nach 35 Jahren, die er jetzt Pfarrer in Grüneberg ist. Noch zehn Jahre lang hat er dort die DDR erlebt, hat in dieser Zeit den Wiederaufbau der Kirche geleitet, mit Friedens- und Umweltgruppen zusammengearbeitet.
Nach der Wende organisierte er bis 2000 als dessen Vorsitzender den Kirchenkreis Gransee, betreute dazu seinen Pfarrsprengel Grüneberg. „Für uns Kirchenleute ist mit der Wende eigentlich nichts anders geworden“, sagt Gerhard Gabriel. „Wir haben immer noch in derselben Kirche gepredigt, aus der derselben Bibel gelesen, Lieder aus demselben Gesangbuch gesungen.“ Deshalb hatte Grünebergs Pfarrer weit weniger Probleme mit den Veränderungen als etliche seiner Mitmenschen. Und weil das so war, ist er seinerzeit mit der Leitung des Runden Tisch in Gransee beauftragt worden. Dort mühte er sich, zu vermitteln. Immer auf der Suche nach annehmbaren Kompromissen, wenn sie denn eines nicht gefährdeten: die Freiheit des Menschen. Gerhard Gabriel weiß genau, welch hohes Gut die Freiheit darstellt. Sein Großvater wurde ins Konzentrationslager Dachau gebracht und verhört. Sein Vater wurde von Stasileuten abgeholt, seine Schwester und sein Cousin saßen im Gefängnis, weil sie öffentlich den Staat kritisierten. Gerhard Gabriel blieben ähnliche Tortouren erspart.
Dankbarkeit empfinde er am Ende seines Berufslebens. Die Menschen hier würden sich durch große Unmittelbarkeit, Herzlichkeit und Zuverlässigkeit auszeichnen. Auf alle Anliegen und Bitten habe er nie Ablehnung erfahren. Und noch etwas möchte er hervorheben, wenn er in den Rückspiegel schaut: die Zusammenarbeit von christlicher und weltlicher Gemeinde, von Kirche und Kommune. Und er bezieht dies durchaus auch auf die Zeit vor der Wende. Die Hälfte aller Leute, die 1985 und 1986 beim Aufbau des Grüneberger Gotteshauses geholfen haben, seien keine Kirchenmitglieder gewesen. Legendär geworden sind seine Appelle in den Weihnachtsgottesdiensten, für mehr Nachwuchs im Dorf zu sorgen. „Gegenwärtig
haben wir 25 Mädchen und Jungen in unserer Krabbelgruppe“, sagt der Pfarrer und schmunzelt verschmitzt. „Ist doch toll!“
Seine eigenen Kinder sind inzwischen groß und leben ihr eigenes Leben. Was er sich jetzt vorgenommen hat, ist, endlich seiner Frau Christine mehr Zeit zu widmen – seiner großen Liebe, die er als 15-Jähriger das erste Mal zum Tanz aufforderte. Sie habe ihm stets den Rücken frei gehalten, ihn beraten, immer zu ihm gestanden. Nun kann er mit seiner Frau freie Wochenenden genießen, kann donnerstags die örtliche Skatrunde besuchen. Und er kann sich um den Garten und das gerade fertig gewordene Haus kümmern, das natürlich in Grüneberg, nicht weit weg von der Kirche steht. Dort werden ihn seine Freude sicherlich oft besuchen und ihm wünschen, dass er genießen möge, was er ab morgen ist – Pfarrer im Ruhestand. Das wird nicht alle Tage leicht sein, aber es wird – so Gott will – auch spannend und schön.

Nachfolge-Kandidatin
Gerhard Gabriel wird am morgigen Reformationstag, 31. Oktober, im Rahmen eines Gottesdienstes um 14 Uhr in der Kirche in Grüneberg verabschiedet und in den Ruhestand versetzt.
Auf die Ausschreibung der Pfarrstelle in Grüneberg hat sich die 58-jährige Pastorin Ruth-Barbara Schlenker aus Niedertrebra im Nordosten des Landkreises Weimarer Land in Thüringen beworben. Sie hat an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald Theologie studiert. In Sommer 1990 trat die Mutter von vier Kindern, die inzwischen geschieden ist, die Pfarrstelle in Niedertrebra an.
Am Buß- und Bettag wird sie sich in den vier Gemeinden des Pfarrsprengels Grüneberg (Grüneberg, Teschendorf mit Neuendorf , Löwenberg mit Neulöwenberg und Linde) sowie den Frauenkreisen vorstellen. Bereits zwei Tage später sind die Kirchenältesten zur Wahl aufgerufen.
Die Vakanzvertretung für Pfarrer Gerhard Gabriel obliegt Pfarrer Christoph Poldrack aus Leegebruch.
erstellt von Mathias Wolf am 02.11.2015, zuletzt bearbeitet am 31.05.2016
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