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Schmerzlich, aber unumgänglich
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Schmerzlich, aber unumgänglich

Ein Artikel aus den Neuen Granseer Tageblatt von Andreas Röhl

Zehdenick – Für Uwe Großer brechen die letzten Tage als Kantor der evangelischen Gemeinde in Zehdenick an. Der 36-Jährige wird am 15. Oktober eine neue Stelle im Kirchenkreis Greiz (Thüringisches Voigtland) antreten.
Mit Wehmut, aber auch viel Dankbarkeit blickt er auf seine Berufsjahre in der Havelstadt zurück. Als junger Absolvent der Hochschule für Kirchenmusik in Dresden trat er am 1. September 2004 seine Stelle in der Havelstadt an. Der gebürtige Sachse musste sich zunächst an die nordbrandenburgische Mentalität herantasten. Mittlerweile spricht er von wir, wenn er über Zehdenick spricht. „Ich habe gern hier gelebt und gearbeitet“, sagt er.
Uwe Großer sieht es als Glück an, vor zehn Jahren auf einen Pfarrer wie Friedrich Demke getroffen zu sein. Der Gemeindekirchenrat habe freundschaftlich und kollegial Wege geebnet. „Es herrschte eine von großem Wohlwollen, Respekt und Vertrauen geprägte Atmosphäre“, beschreibt es der Kirchenmusiker rückblickend. Für einen Berufseinsteiger sei das eine wertvolle Erfahrung gewesen. Als gewöhnungsbedürftig empfand er damals, wie die menschliche Kommunikation in der Region funktioniert. „Im Süden kommt man einfach schneller in die Herzlichkeit.“ Mittlerweile könne er aber sagen, dass das nur vordergründig so ist. „Wenn die Leute einen gesichtet haben, wird es wärmer.“
Noch etwas anderes hat den Kantor lange beschäftigt. Ganz viele Orte in der Region sind Straßendörfer und die Grundstücke sind zur Straße hin sehr abgeschottet, sehr geschlossen mit blickdichten Holzzäunen und hohen Toren. „Das kannte ich aus Sachsen anders.“ Dort würden die Dorfbewohner deutlich offener miteinander leben, das Dorf sei dort durchsichtiger. Ihn habe es längere Zeit irritiert, dass man keinen Blick in die Höfe werfen konnte. Mit der Zeit hat er sich aber daran gewöhnt und es akzeptiert.
Wichtig für die Arbeit eines Kantors ist das Miteinander mit dem Pfarrer. Das sei substantiell für eine Kirchengemeinde, weil damit die fruchtbare Basis für alles gelegt werde, sagt Uwe Großer. In seinen ersten Jahren, als ihm die praktische Erfahrung fehlte, habe er vieles erst lernen müssen. Da sei es sehr vorteilhaft gewesen, die Möglichkeit zu haben, Erfahrungen zu sammeln. Er habe ja erst nach und nach abschätzen können, was wirklich gut in der Arbeit mit der Gemeinde ist und am Ende auch Bestand hat.
Begeistert ist der Kantor nach wie vor über die finanzielle Unterstützung. Damit meint er nicht das Gehalt des Kirchenmusikers, sondern den Spielraum, der es erlaubt auch Musikerkollegen einzuladen oder Projekte auf die Beine zu stellen. „Das hat Zehdenick sehr gut gelöst.“
Der Weggang aus Zehdenick fällt Uwe Großer nicht leicht. Doch nach zehn Jahren sei es Zeit, auch mal andere Erfahrungen zu sammeln, neues auszuprobieren. Er könne sich noch gut an einen Satz seines Ausbildungsleiters erinnern: „Es ist unter Umständen nicht gut, 30 Jahre an einem Ort zu sein.“ Das sei ausdrücklich auf Berufe gemünzt, in denen die Zusammenarbeit mit Menschen besonders eng ist. Für Uwe Großer ist mittlerweile klar, was sein Ausbildungsleiter damit sagen wollte. Jeder Einzelne habe mit seinem Charakter einen bestimmten Zugang zu Menschen. Mit dem einen kommt man sehr schnell auf einen Nenner, mit dem anderen eben nicht. Darin liege eine Beschränkung, die sich auf die Arbeit auswirkt.
So habe er über sich erfahren, dass er bestimmte Dinge einfach nicht kann, Dinge, die ihm nicht liegen. „Ich bin nicht der Rockertyp“, sagt Uwe Großer. Jeder habe
seine Prägungen und es sei schwer, diese so einfach abzustreifen. Der Kantor würde sich selbst aber nicht als Traditionalisten bezeichnen. Dazu habe er in der kirchlichen Arbeit zu viel Popularmusik mit einfließen lassen. Er würde sich auch rein theologisch nicht als traditionell einordnen. Vielmehr sieht er sich als einen Suchenden zwischen den Konfessionen, sieht seine Einflüsse sowohl im evangelischen, als auch im römisch-katholischen Umfeld. Gute Erfahrungen habe er mit Freikirchen hier in Brandenburg gemacht. Es sei wertvoll gewesen, zu sehen, wie beispielsweise reformierte Christen ihre Gottesdienste feiern, ihre Lieder singen und ihr gemeinschaftliches Leben gestalten, sagt er. In Sachsen wäre ihm dies so nicht begegnet. „Das ist musikalisch eine ganz andere Welt.“ So hat er zwischenzeitlich mit einer evangelisch-reformierten Gemeinde in Hohenbruch zusammengearbeitet, die den Gottesdienst wahrnehmbar anders praktiziert. Darauf hatte er sich als Kantor ganz konkret einzustellen. So durfte beispielsweise der musikalische Teil des Gottesdienstes nicht zu opulent sein. „Man muss dann genau sehen, was wozu passt.“
Rückblickend sieht Uwe Großer auch ein paar Dinge, die er hätte anders, vielleicht auch besser machen können. Er spricht von Popularmusik und Bandarbeit, die er stärker hätte in seine Arbeit einbinden können. Perspektivisch hätten auch die Chöre in den kirchlichen Gemeinden und auch der Stadt stärker miteinander vernetzt werden können. Ansonsten war er mit der musikalischen Arbeit gut ausgefüllt, kam manchmal vielleicht auch an physische Grenzen. Doch sei es immer schwierig, etwas wegzuschneiden, wenn es gut läuft.
Die künftige Arbeit im thüringischen Voigtland wird für Uwe Großer etwas anders gestaltet sein. Er ist da mehr auch in den einzelnen Orten unterwegs. Einiges von dem, was er in Zehdenick gemacht hat, will er dorthin mitnehmen, anderes muss er sich neu annehmen. Im Grund wird er das Programm aber ähnlich händeln wie in Zehdenick. „Ich will aber nicht mit einer fertigen Kiste kommen.“ Wie schon vor zehn Jahren in Zehdenick, als er für vieles offen war, will er auch in Greiz sehen, was funktioniert. Wichtig ist ihm aber weiterhin, Erwachsene und Jugendliche musikalisch auszubilden. Vielleicht kann er dort auch so etwas wie die Singtage etablieren, die in der Havelstadt ja immer gut besucht waren.
Ungeachtet der Freude auf das Neue, bezeichnet Uwe Großer den Weggang als einen schmerzlichen Schritt, der aber unumgänglich ist. Vor allem der Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen, aber auch über die Chöre mit den Erwachsenen werde ihm fehlen. Besonders schade findet er es, dass die Zusammenarbeit zwischen Kirchenchor und dem Chor der Havelstadt Zehdenick nicht fortgesetzt wird. Deshalb wird es in diesem Jahr kein zweites gemeinsames Adventskonzert geben. „Ich werde auch den schönen Kirchsaal vermissen, die Stadt insgesamt.“
Einen Nachfolger für Uwe Großer gibt es noch nicht. Verabschiedet wird der Kantor in einem Gottesdienst am 12. Oktober, den Superintendent Uwe Simon leitet.
erstellt von Mathias Wolf am 29.09.2014, zuletzt bearbeitet am 06.12.2017
veröffentlicht unter: Neues aus den Kirchengemeinden