Start Willkommen im Kirchenkreis Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin Artikel: 2: „Frowoholf?“ (ins Hochdeutsche übersetzt „Frau Wolf!“)
Diese Kinder...!
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2: „Frowoholf?“ (ins Hochdeutsche übersetzt „Frau Wolf!“)

März 2015

Ich höre meinen Namen, der mit drei O ausgesprochen wird, unzählige Male an diesem Wochenende. Mal fordernd, mal schüchtern. 27 Kinder und zwei Pädagoginnen und ich verbringen drei Tage zum Thema „Respekt und Achtung vor Menschen mit Behinderungen“.
Die Kinder lernen, sich blind zu bewegen und Blinden weiterzuhelfen, sie erfahren, was es heißt, im Rollstuhl zu sitzen oder nicht hören zu können. Ich erzähle von Jesus, zu dem viele Blinde, Taubstumme oder Gelähmte kamen, um sich heilen zu lassen. Und immer hat Jesus zuerst den Kranken gefragt: „Was willst du, dass ich für dich tue?“. Die Kinder lernen, nicht einfach den Bedürftigen mit ihrer Idee von Hilfe zu überfallen, sondern erst mal zu fragen: „Was kann ich für dich tun?“ Wir lachen viel, staunen, wie einfach Hilfe manchmal sein kann und wie dämlich man sich trotzdem anstellen kann.
Das Freizeitheim Vietmannsdorf in Templin ist wie eine Wohnung für eine Familie mit sehr, sehr vielen Kindern ausgebaut. In den Pausen zwischen den Einheiten toben die Kinder durch das Haus oder durch den verschneiten Garten, von wegen Stubenhocker!
Und vor allem ist es immer laut und sehr bewegt. „Frowoholf, können wir die Stifte nehmen? „Frowoholf, ich muß mal auf Klo!“ Frowoholf, die Lealina findet ihren Teddy nicht!“
Ich gestehe, ich bin eine faule Frowoholf und warte immer erst mal ab, ob die Kinder das Problem auch selber lösen können. Meine Kolleginnen sind da viel hilfsbereiter. Sie flitzen beim Frühstück und Abendbrot herum, gießen Tee ein, pellen Eier, schneiden Tomaten in Stückchen.
„Frowoholf, kannst du mir mal das Brot schmieren?“ „ Nö. Aber ich kann dir zeigen, wie du es selber machen kannst!“ Das Mädchen schmiert sich seufzend sein Brot selber, übrigens recht geschickt. Zu Hause macht Mama oft ohne zu fragen alles für sie.
Doch entgegen aller Unkenrufe sind diese Kinder weder verzogen noch egoistisch. Ohne übertriebene Aufmerksamkeit der Erwachsenen sind sie selbständig, aufmerksam zueinander und rücksichtsvoll. Viele brauchen aber Zeit, sich zu orientieren, zu kucken, zu entscheiden. In Vietmannsdorf bekommen sie diese Zeit. Ich jedenfalls frage sie nicht: „Willst du dies, willst du das?“ Ich lasse sie in Ruhe und die Kinder kommen klar. Das appetitlich aufgeschnittene Obst und Gemüse wird von fast allen gewählt, überhaupt haben die Kinder, wenn man sie in Ruhe lässt auch ein gutes Gefühl für Mengen und für das Sattsein. Keines packt sich gierig den Teller übervoll und keines verweigert das Essen.
Nach der Abendeinheit bitte ich die Kinder kurz vor dem Schlafengehen in einen besonderen Raum. Er ist nur mit Kerzen beleuchtet. In der Mitte steht ein Kasten mit Zetteln, den die Kinder selbst gefüllt haben. Darauf stehen kleine Wünsche, Bitten oder Dank als Gebet formuliert.
Das ganz Besondere aber in diesem Raum ist, dass nicht geredet werden darf. Die Kinder sollen absolut schweigend rein kommen und schweigend warten, bis alle da sind.
Ob das klappt? Und wie das klappt! Immer. Ich spiele leise Gitarre, wir singen ein Lied „Alle kleinen Käfer krabbeln auf ihr Bettchen rauf und die großen Käfer bleiben noch ein halbes Stündchen auf!“ dann lese ich die schönen Gebete vor. Dieselben Kinder, die den ganzen Tag aufgedreht durchs Haus getobt sind, haben sich jetzt in Decken gekuschelt und lauschen ohne Zappeln und Unruhe. Es entsteht durch den Kerzenschein und die Stille eine fast magische Stimmung.
Dann geht’s ins Bett, meine beiden Kolleginnen müssen jetzt den Teddy von Lealina suchen und ich
schnappe mir die Großen und gehe mit ihnen beim Mondschein noch ein Stündchen durch den tiefverschneiten Wald und erzähle die Geschichte vom Werwolf, der sich im Dunkeln fürchtet.
Wenn ich aus Vietmannsdorf zurückkehre, bin ich zwar fix und fertig, aber auch glücklich: Mit diesen wundervollen Kindern ist mir vor der Zukunft nicht bange!

Beate Wolf
erstellt von Mathias Wolf am 04.03.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin