Start Willkommen im Kirchenkreis Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin Artikel: 3: Passionszeit - auf Vorurteile fasten
Passionszeit - auf Vorurteile fasten
Foto: M.Wolf
Bildrechte: M.Wolf

3: Passionszeit - auf Vorurteile fasten

März 2015

Eine seltsame Zeit geht langsam zu Ende: Die Passionszeit, die Fastenzeit.
Für die meisten Menschen existiert sie gar nicht.
Aber ich spüre mit zunehmenden Alter, wie wichtig es mir ist, mein Leben in verschiedene Abschnitte zu teilen und nicht einen Tag wie den anderen zu leben. So vermeide ich den immer gleichen Trott.
Die Passionszeit beginnt am Aschermittwoch. Traditionell räume ich meine kleine, aber feine Whisky-Sammlung in den hintersten Schrank. Das ist sozusagen das Start-Signal.
Während der nächsten Wochen gibt es keinen Alkohol, keine Schokolade (äh, fast keine!) und keine Naschereien.
Es ist meine ganz persönliche Entscheidung. Gott „verlangt“ so etwas nicht.
Meinem Gott ist es vollkommen wurscht, was ich esse, trinke oder gar was ich in meinem Schlafzimmer tue. Mein Gott ist doch kein Oberlehrer aus dem 19. Jahrhundert!
Wenn ich also faste, darf ich das nicht mit Gottes Willen interpretieren. Jesus sagte mal: „Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ (Matthäusevangelium 15). Also nicht das, was du isst, interessiert Gott, sondern das was du sagst.
Die Passionszeit ist deswegen für mich auch immer ein Blick nach innen. Und dabei helfen mir durchaus auch die äußerlichen Rituale.
Ich bin eine Naschkatze, das sieht man mir auch leider an. Was glauben Sie, wie schwer es mir in den ersten Tagen fällt, nicht ständig zwischendurch zu naschen.
Am Anfang habe ich regelrecht Entzugserscheinungen. Mein Magen brüllt: „Hunger!“ Mein Verstand sagt lächelnd: „Dann iss eine Möhre!“ Mein Magen sagt grummelnd: „Nö, ich wollte eigentlich Kekse!“ Ich stehe irgendwie neben mir. Sucht und Verstand in mir zanken sich wie ein altes Ehepaar, mit immer neuen, immer dümmeren Argumenten.
Nach einigen Tagen hat mein Verstand gesiegt und ich kann mich wichtigeren Dingen zuwenden.
Was ist, wenn manche meiner klugen Wahrheiten auch nichts anderes sind, als dumpfe, fast schon suchtartige Gewohnheit?
Vorurteile sind wie Schokolade, sie machen schnell zufrieden und langfristig geistig fett und träge.
Dieses Jahr habe ich mich aus aktuellen Anlässen verstärkt mit dem Islam beschäftig. Oh, das war bitter am Anfang, denn passend zu meinen Vorurteilen habe ich bevorzugt die schlechten Nachrichten gelesen. Ich wurde immer wütender über die ständigen, grauenhaften Attentate, über brutale Folterungen, schlimme Frauenunterdrückung und vieles mehr.
Das sind ja nun mal nackte Tatsachen, oder?
Aber es ist Passionszeit. Ich habe mich selbst verpflichtet, auch auf Vorurteile zu fasten.
Nach einer Phase selbstgerechten Zornes war ich endlich in der Lage, auch darüber hinaus zu sehen:
Den engen Familienzusammenhalt im Islam, die hohe Stellung des Kindeswohls, die Ablehnung von Alkohol. Den liebevollen Umgang mit Kranken und Alten. Mir ist außerdem aufgefallen, dass der Islam jeden Rassismus überwinden kann. Hautfarben spielen bei den Muslimen keine Rolle.
Im Koran gibt es zarte und liebevolle Texte, wie in der Bibel. In beiden heiligen Schriften gibt es auch andere Texte.
Die klare Mehrheit aller Gläubigen bevorzugt die liebevollen Texte.
Muslimische Männer in der Türkei demonstrieren gegen Frauenunterdrückung, ein Imam umarmt den Papst, Muslima in Kopftüchern schreiten bei Streitigkeiten in einer Kreuzberger Schule ein – und die jungen Männer neigen voller Respekt den Kopf vor ihrer starken Lehrerin.
Auch das sind unumstößliche Tatsachen, die ich am Anfang noch nicht wahrnehmen konnte.
Das veränderte Denken fällt mir noch genauso schwer, wie eine Suchtbekämpfung. Es ist ein bisschen wie Hunger im Kopf.
Mir helfen die täglichen Gebete aus der Taizé-Gemeinschaft, ihre ruhigen, sanften Worte.
Es war eine heftige, aber gute Fastenzeit dieses Jahr.
Ich bin schlanker geworden: Kilos und dumme Gedanken sind gepurzelt.
Die Freude aber ist gewachsen.
Bald kommt Ostern. Ich werde die Osternacht durchmachen und am Ostersonntag feiern, lachen, singen und abends meinen geliebten Ardbeg trinken. Wie ich mich darauf freue!
Freuen Sie sich auch auf Ostern oder macht das für Sie keinen Unterschied?
Für mich schon. Frohe Ostern!


erstellt von Mathias Wolf am 30.03.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin