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Der Garten Eden
Foto: M. Wolf
Bildrechte: M. Wolf

4: Der Garten Eden

April 2015

Endlich! Die ersten niederländischen Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr. Die Holländerinnen sind eingetroffen. Und schon wird mein erstes Vorurteil widerlegt: Linda ist dunkelhäutig mit brasilianischen Wurzeln. Melina dagegen entspricht schon mehr meinem Klischee einer Holländerin. Lachend umarmen mich die Mädchen und nehmen ihr Zimmer in Beschlag.
Kurz darauf trifft Edgar aus London ein, er hat nigerianische Wurzeln
Für die Zeit zwischen Gründonnerstag und Ostermontag verwandelt sich unser Pfarrhaus in ein Kloster nach dem Vorbild von Taizé. Junge Menschen aus vier verschiedenen Nationen werden mit uns leben, singen, beten und vor allem feiern und Spaß haben. Meine Söhne, die jedes Jahr nach Taizé fahren, haben ihre Freunde von dort nach Menz eingeladen. Denn genau dazu sind evangelische Landpfarrhäuser geschaffen: Als Gästehäuser für Menschen, die auf der Suche nach Gott sind.
Alle Zimmer und der Dachboden sind belegt, Mathias und ich haben uns mit einer Matratze ins Arbeitszimmer zurückgezogen.
Die Verkehrssprache in diesen Tagen ist Englisch. Ich bin immer wieder begeistert, wie selbstverständlich alle diese Sprache inzwischen beherrschen, auch die jungen Leute aus Gransee, Dollgow, Zehdenick und Prenzlau.
Und ich freue mich, wie alle meine Vorurteile über den Haufen geworfen werden. Natürlich ist die Holländerin nicht blond und blauäugig, der Brite ist alles andere als steif, aber auch unsere Brandenburger sind überhaupt nicht zurückhaltend.
Die 16-jährige Simona aus Berlin hatte kein Problem, ihren türkischen Vater Hasan zu überreden, an diesem Treffen teilnehmen zu dürfen. „Ins evangelische Pfarrhaus? Kein Problem!“ meint der Moslem völlig entspannt. Er vertraut uns. Nicht vertraut haben uns dagegen die schwedischen Eltern von Karla. Die angeblich so offenen Skandinavier hatten große Bedenken, Karla darf erst nächstes Jahr kommen.
Wie in Taizé gibt es Arbeitsgruppen: die Jungs haben das Kochen und das Putzen übernommen, die Mädchen kümmern sich um das Aufräumen, den Zeitplan und füttern begeistert unsere Hühner.
Die Tage sind klar strukturiert Nach dem Vorbild von Taizé gibt es drei Andachten am Tag mit Gesang und Stille. Die jungen Leute haben den Gemeinderaum zu einem Ort der Stille verwandelt mit vielen Kerzen, Natursteinen und orangefarbenen Tüchern. Der Raum der Stille ist in diesen Tagen wie die Tür zum Himmel im fröhlichen Trubel der Gemeinschaft. Zwischendurch macht die Gruppe Wanderungen durch den Naturpark oder fährt nach Ravensbrück.
Die Nacht zum Ostersonntag wachen sie durch, sitzen am Feuer und singen zur Gitarre. Weitere Jugendliche aus Menz und der Umgebung haben sich eingefunden.
Zur Ostermorgenfeier früh um 6 Uhr dann treffen wir uns alle mit der Gemeinde in der dunklen Menzer Kirche. Nach und nach werden bei Gesang die Kerzen angezündet. Ed, Linda, Aurore und Simona lesen in Englisch, Holländisch, Französisch und Türkisch die ermutigenden Worte aus der Bibel vor – das ist der Moment, wo alle eine Gänsehaut bekommen und eine Ahnung, wie diese Welt ohne Hass und Krieg aussehen könnte. Zum Heulen schön!
Dann ist die Anspannung vorbei, nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf tobt die ganze Meute durch den Pfarrgarten, um Süßigkeiten zu suchen. Unter lautem Johlen müssen Max und Ed sogar in die Linde hochklettern, weil der Osterhase hoch oben die die Schokolade versteckt hat.
Und plötzlich ist Montag, nach und nach verabschieden sich alle und ich schaue traurig hinterher.
Ja, ich bin völlig übermüdet, ja, ich werde noch wochenlang nach dem blauen Küchenmesser suchen. Aber trotzdem: Kommt wieder, ihr buntes Volk und verwandelt noch einmal den Pfarrhof in den Garten Eden!
erstellt von Mathias Wolf am 07.05.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin