Start Willkommen im Kirchenkreis Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin Artikel: 5: Zugezogen

5: Zugezogen

Mai 2015

Sie war 89 Jahre alt. Ich segnete sie und drückte ihr dann den Blumenstrauß zum Geburtstag in die Hand mit den Worten: „Nun sind Sie die älteste Ritzkowerin!“.
Und plötzlich merkte ich, dass ich was Falsches gesagt hatte. Sie verzog schmerzhaft ihr Gesicht und sagte: „Ich bin keine Ritzkowerin!“. Auf meinen hilflosen Gesichtsausdruck hin seufzte sie.
Sie erzählte mir die Geschichte ihrer Flucht, wie sie hier schließlich strandete, die harten Anfangsjahre. Wie die Ritzkower sie und ihre kleine Tochter ablehnten als „Polackin“, wie man sie verdächtigte, etwas gestohlen zu haben oder dass die Tochter Läuse einschleppe.
Das sei zwar Jahrzehnte her, aber erst zu ihrem 85. Geburtstag, als jemand sagte, sie sei nun die Älteste im Dorf, meinte eine andere, sie sei ja keine Ritzkowerin, sondern nur eine Zugezogene. Ich hielt die Hand der alten Frau, als ihr noch immer die Tränen kamen und litt ihren Schmerz, ihre Heimatlosigkeit mit.
Solche Geschichten kommen mir in den Sinn, wenn ich höre, wie manche Menschen hier über Asylbewerber reden. Junge Menschen, die in Frieden und Wohlstand groß geworden sind. Selbst Menschen, die vor 1989 aus der DDR in den Westen geflohen sind und nach der Wende zurückkamen, reden abfällig über die „Wirtschaftsasylanten“. Obwohl sie damals ohne Diskussion von der Bundesrepublik aufgenommen wurden, ihnen alle Gesundheits- und Sozialleistungen zur Verfügung gestellt wurden.
Und auch damals haben Menschen im Westen vor den DDR-Flüchtlingen gewarnt: „Das Boot ist voll, die nehmen uns die Arbeitsplätze weg, die haben nichts in die Kassen eingezahlt und nun halten sie die Hand auf, Deutschland wird untergehen.“
Das kannte man schon aus den 60ger und 70ger Jahren, als immer mehr aus Italien und der Türkei kamen: „Überfremdung, Spaghettifresser, Aushöhlung des Sozialsystems, Deutschland wird untergehen.“
Doch von jeher haben die großen Migrationsströme Deutschland gestärkt. Schon ohne die Einwanderer unter Friedrich dem Großen wäre Brandenburg ein Entwicklungsland. Und ohne die ganzen Vertriebenen und Flüchtlinge nach 45 (so traurig ihr Schicksal wirklich ist) wären viele unserer Dörfer heute fast ausgestorben. Ohne die Gastarbeiter im Westen gäbe es kein Wirtschaftswunder in Deutschland. Und keine Spaghetti – für Millionen deutsche Kinder eine Katastrophe!
Nun gibt es wieder eine Einwanderungswelle. Klar, habe ich auch Sorgen. Tragen die ihre lokalen Konflikte nach Deutschland? Werden Frauenrechte untergraben? Gibt es eine wachsende Subkultur? Aber dann denke ich manchmal ganz national-stolz: Hey, das ist mein Deutschland! Man kann uns ja vieles vorwerfen, aber nicht, dass wir schwach wären. Die Menschen kommen, weil sie hier besser leben wollen. Weil sie verfolgt wurden, in Krieg oder Angst leben mussten. Vielleicht wollen einige irgendwann wieder nach Hause. Aber diejenigen, die beginnen, Deutschland zu lieben, sollen bleiben dürfen, deutsch lernen und unser reiches Land durch ihre Eigenheit noch reicher machen. Gerade eben sind die Bevölkerungsprognosen für unsere Landkreise veröffentlicht worden. Innenminister Schröder will in vielen Ämtern das Licht ausknipsen. Das ist doch nicht mehr alternativlos!
Ich möchte, dass die heute noch Fremden eines Tages stolz sagen: Ich bin Deutsche! Mit syrischen, mit iranischen, mit kenianischen Wurzeln. Aber ich bin stolz auf mein Land: Deutschland.
Ich bin nicht naiv. Mein Land wird sich ändern. Aber ich sehe den heute verunsicherten und höflichen Syrer, wie er in 30 Jahren ein typischer brummiger Brandenburger geworden ist, der mit seinem Bier abends vor seinem Häuschen sitzt und fußballspielende Kinder mit sehr verschiedenen Hautfarben anblafft: „Det jeht doch och‘n bisken leiser oder watt!“
Und sein Akzent ist fast völlig verschwunden! Ist diese Vorstellung wirklich so schlimm?
erstellt von Mathias Wolf am 08.06.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin