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6: Brandenburger Kargheit
Foto: MWolf
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6: Brandenburger Kargheit

Juni 2015

Völlig verschwitzt lasse ich mich auf den Korbsessel fallen. Meine Freundin und ich haben eine wunderschöne Radtour hinter uns und sind in einer kleinen märkischen Gaststätte eingekehrt.
Nach einer Weile kommt die Kellnerin und blickt auf mich herunter. „Durst, wa?“ Ich grinse. „Die größte Brause. Für jede von uns!“ Sie kuckt mich weiterhin wartend an.
„Ham Se Brathering?“ Sie nickt wortlos. Ich nicke auch. Damit ist mein Bestellvorgang abgeschlossen. Meine süddeutsche Freundin ist mit der kargen Konversation völlig überfordert. „Für meene Freundin wat ohne Fleisch und Fisch!“ bestelle ich für sie.
Die Kellnerin verschwindet. Kurze Zeit später kommt (wortlos) die gekühlte Fassbrause und etwa 20 Minuten später sitze ich vor selbsteingelegtem Brathering mit besten Bratkartoffeln, meine Freundin hat einen goldgelb überbackenen Blumenkohl. Alles sehr lecker, sehr preiswert. Ich bin zufrieden. Meine Freundin ist es nicht. „Die ist aber unfreundlich!“ findet sie. Klar, in Oberfranken hätte die Wirtin jetzt viele Worte gemacht und ein Dauerlächeln aufgesetzt und die ganze Speisekarte diskutiert.
Ich dagegen fand unsere Kellnerin sehr taktvoll. Sie hat ja gesehen, dass ich völlig erledigt war und meine Ruhe wollte. Deswegen war ihr kurzes „Durst, wa!“ für mich der Inbegriff von Sensibilität. Sie hat meine Situation wunderbar erfasst und alle meine Bedürfnisse mit diesen beiden Worten zum Ausdruck gebracht.
Ich bin Brandenburgerin. Ich liebe diese klare, spartanische Konversation. Schon meine Vorfahren waren so. Genauso, wie sie miteinander redeten, bauten sie auch ihre Kirchen. Klar strukturiert, keine Spielereien, ziemlich karg.
Und genau deswegen sind es auch meine Lieblingskirchen. Du gehst rein, Du wirst eben nicht erschlagen von Bildern und Texten, wie sonst überall in unserer reizüberfluteten Welt. Unsere kleinen märkischen Dorfkirchen lassen dich in Ruhe und lassen dich mit deinem Gott reden. Du brauchst kein Kunststudium, um die Kirche zu verstehen. Denn du bist kein Museumsbesucher, kein Zuschauer, kein Kunde. In einer märkischen Dorfkirche bist du kein Gast, sondern zu Hause. Niemand wirbt um dich, niemand behauptet, dein Bestes zu wollen oder dass du hier König bist. Du musst nicht nett sein zu Gott.
Wir Märker mögen es nicht, auf Bestellung nett zu sein. Wir empfinden es als unehrlich.
„Aber die sind immer so wortkarg und so unpersönlich!“ jammert meine Freundin. „Findest du? Dann pass mal auf.“ antworte ich. Als die Kellnerin wiederkommt, zeige ich rüber zu ihren Enten hinterm Gasthaus. „Mularden, wa? Sind det Ihre“ Ihre Augen leuchten kurz auf: „Machen Sie och Enten?“
Zehn Minuten später haben wir Familienbilder ausgetauscht, ich kenne jetzt die geheime Badestelle am Dorfteich und wir haben festgestellt, dass wir mindestens drei gemeinsame Bekannte haben.
Meine Freundin ist sprachlos. „Und?“ frage ich sie, „kannst du solche Gespräche auch mit der professionell lächelnden Kellnerin in Oberfranken führen?“ „Niemals!“ gibt sie zu.
Ich weiß. Ich liebe mein Brandenburg.
erstellt von Mathias Wolf am 25.06.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin