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8: Ich bin nicht fürs Wetter verantwortlich
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8: Ich bin nicht fürs Wetter verantwortlich

September 2015

Nach einem wundervollen Sommerkonzert in unserer vollbesetzten Kirche sitze ich mit den Musikern und Gästen zusammen im Pfarrgarten am Feuer. Es ist ein warmer Sommerabend, der Wein schmeckt köstlich, wir sind angenehm entspannt. Wir erzählen von unseren Familien, aus unseren Heimatorten und vom letzten Urlaub.
„Wisst ihr, dass ich mich im Urlaub nur ganz selten traue, meinen Beruf zu nennen?“ frage ich in die Runde. Ratloses Schulterzucken.
„Naja, wenn ich sage, dass ich Pfarrerin bin, kommt entweder die dämliche Frage: ‚Katholisch oder evangelisch? ‘. Oder ich bekomme unaufgefordert einen Vortrag darüber, wieso man nicht in der Kirche ist oder nicht an Gott glaubt. Und dieselben Leute, die gestern noch total locker und unkompliziert waren, sind plötzlich in meiner Gegenwart angestrengt lustig und müssen ständig Witzchen über Gott machen. Und bei der zehnten Bemerkung, ich solle mich mal heute um gutes Wetter kümmern, ich hätte ja den Draht nach ganz oben, bereue ich es, meinen Beruf genannt zu haben.“
Ein paar in der Runde nicken mitfühlend. Doch eine Frau sieht mich skeptisch an.
„Ach Quatsch!“ sagt sie, „Das glaube ich nicht!“.
Und plötzlich ist eine Lawine losgetreten.
„Oh doch, ich kann mir das vorstellen!“ sagt eine zierliche rothaarige Frau. „Ich bin Psychologin. Mir geht’s genauso. Plötzlich sind die Leute in meiner Gegenwart total gehemmt und entschuldigen sich dauernd, dass sie ja jetzt bestimmt ganz falsch reagiert hätten!“
„Hört bloß auf, ich bin Lehrerin. Innerhalb von Minuten überschütten mich die Leute mit ihren Ansichten zum maroden Bildungssystem, als ob ich persönlich dafür zuständig sei!“ Diesmal kucken wir alle ganz betreten, denn jede von uns erinnerte sich gerade an eine Situation, wo sie auch eine Lehrerin so genervt hat. Die Frau winkt ab: „Da hilft dann nur noch eins, ich sage sehr scharf, dass ich Sportlehrerin bin!‘ Und zack, verwandelt sich der Erwachsene wieder in einen verängstigten Jungen, der sich nicht traut, über den Kasten zu springen. Und damit habe ich meistens Ruhe!“
Wir jubeln alle laut.
Weitere in der Runde offenbaren sich. Ein Zahnarzt beschreibt, wie ihm ein Busfahrer mal seine Plomben zeigen wollte. Und auch die Friseurin möchte im Urlaub nicht die Frisur der Mitreisenden richten.
Nach vielem Lachen und Erzählen schließen wir alle einen Bund: Ab heute werden wir Leute nicht mehr mit ihrem Beruf identifizieren, wenn sie im Urlaub sind. Wir geben uns alle die Hand.
Nur eine sehr schlanke, blonde Frau mit aufmerksamen Blick hat die ganze Zeit geschwiegen und nur zugehört.
„Was ist mit Ihnen?“ frage ich. Die Frau seufzt leise. „Sagen Sie es schon, so schlimm wird Ihr Beruf schon nicht sein!“. Die Frau zuckt mit den Schultern und sagt nur ein Wort. „Pharmaindustrie!“.
Eine Weile lang ist es ganz still in der Runde. Hier und da hört man verstecktes Kichern, einige haben Mühe, ihren Gesichtsausdruck neutral zu halten. Und auch ich muss mir das Lachen mühsam verbeißen. Schließlich sage ich zu ihr: „Ok, sagen Sie das nächste Mal einfach, Sie seien Pfarrerin. Immer noch besser, fürs Wetter verantwortlich gemacht zu werden, als für die Gesundheitspolitik“ Die Frau lacht und schlägt ihre Hand in den Bund ein!
erstellt von Mathias Wolf am 31.08.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin