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9: Erntedank
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Bildrechte: M. Wolf

9: Erntedank

Oktober 2015

In diesen Wochen feiern die Gemeinden unseres Landkreises Erntedankfeste.
In den traditionellen Gottesdiensten mit den bunt geschmückten Altären spielen die Bläserchöre „Großer Gott wir loben dich“, das allein wäre schon ein Grund, den Gottesdienst zu besuchen.
Und natürlich bemühen wir Pfarrerinnen und Pfarrer uns, in der Predigt möglichst aktuell zu sein und keinen aus dem Blick zu verlieren. So kann es dann passieren, dass zunächst die Flüchtlingskrise angesprochen wird und alle Gottesdienstbesucher aufgefordert werden, zu helfen. Dann darf man natürlich nicht den bedrohten Weltfrieden vergessen und auch der Klimawandel und die Armen müssen bedacht werden. Und zum Schluss erinnert die Predigerin an den Anlass des Festes und fordert die Besucher auf, trotz alle dem dankbar zu sein.
Was dann, zugegeben, etwas schwer fällt.
Dankbarkeit auf Aufforderung ist wie bei einem Kind, dem man etwas geschenkt hat und plötzlich fordert die Mutter mit scharfer Stimme: „Was sagt man da?“ Schlagartig verdunkelt sich dann das Gesicht des Kindes, die stille Freude ist verschwunden, Scham und Schuldgefühle treten an seine Stelle und man bekommt jetzt ein fast unhörbar genuscheltes „…nke“.
Naja, wer’s braucht!

Dankbarkeit aus Pflicht ist mir unangenehm.
Manchen ist es peinlich, wenn ihnen etwas Gutes getan wird:
„Das ist doch nicht nötig!“ ist noch die höfliche Form der Ablehnung, aber richtig dankbar klingt das nicht und wohl fühle ich mich bei dieser Antwort auch nicht.
Ich will auch Dankbarkeit nicht kaputt machen durch ethische Bedenken, dass wir ja auch an die nicht so Glücklichen denken müssen und denen helfen müssen. Damit hätte ich die fröhliche Dankbarkeit abgetötet und zu einem seufzenden „Man muss ja dankbar sein!“ degradiert.
Und von da ist es nicht mehr weit bis zu einem „Muss ja!“ auf die Frage, wie es geht. Und mit mürrischen Gesicht setzen wir unseren Weg fort durch den strahlenden Herbsttag. Nee, so nicht!

Dankbar bin ich, wenn ich eine unerwartete Zuwendung bekommen habe. Die humorvolle Schaffnerin im Regionalexpress war tatsächlich völlig unerwartet und versüßt mir den ganzen Tag.
Michael hat unaufgefordert den Rasen um die Kirche gemäht. Wow, danke Micha! Habe gleich gute Laune dadurch!
In den Nachrichten wird ein Verkehrsunfall durchgesagt, aber kurz darauf kommt mein Sohn wohlbehalten nach Hause. Ich könnte heulen vor Dankbarkeit. Heute wird nicht gemeckert mit Sohn oder Mann, so froh bin ich.
Als Christin danke ich auch Gott. Dazu muss ich gar nicht viel machen. Denn mein Gott sieht in mein Herz und weiß, was ich wirklich denke.
Dankbarkeit ist ein nämlich auch ein bisschen Demut, dass jemand was für dich getan hat, was du selber nicht tun konntest. Das macht gelassen.
Echte Dankbarkeit macht auch gute Laune. Sie verbreitet sich. Mit guter Laune tue ich auch anderen unerwartet Gutes. Wie ein Dominoeffekt. Und der Herr im Himmel sieht lächelnd zu. So funktioniert ein Dankgebet!
erstellt von Mathias Wolf am 05.10.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
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