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Verkündigung. armenisch-apostolische Vank-Kathedrale Isfahan
Foto: M. Wolf
Bildrechte: M. Wolf

11: Weihnachten im Iran

November 2015

Im Oktober habe ich mit meinem Mann den Iran besucht. Die Menschen dort sind uns mit großer Herzlichkeit begegnet, haben uns auf offener Straße angesprochen und gefragt, wie uns der Iran gefällt.
Nun ist der Iran keine Demokratie. Gerade Frauen leiden unter absurden Verboten. Jede Frau muss Kopftuch und einen langen Mantel tragen auch bei größter Hitze und in geschlossenen Räumen. Sie kann, wenn sie ohne Kopftuch auf die Straße geht, laut Gesetz mit 74 Peitschenhieben bestraft werden. Peitschenhiebe gibt es auch, wenn eine Frau einem nichtverwandten Mann die Hand gibt, sich im Bus neben einen nichtverwandten Mann setzt, öffentlich singt oder Sport macht und vieles andere. Hundehaltung ist verboten, Popmusik ist verboten, eigentlich wird alles reglementiert.
Aber erlebt habe ich unter den Kopftüchern und Tschadors hochgebildete, selbstbewusste und emanzipierte Frauen. Und die schwarzgekleideten bärtigen Männer zeigten sich nicht selten als aufmerksame Zuhörer, die mir in aller Öffentlichkeit die Hand gaben und sagten, dass sie mit den Mullahs nichts am Hut hätten, gegen Fundamentalismus sind und ein ganz normales Leben in Freiheit möchten.
Und so habe ich über den offiziellen Iran zwar viel gehört und gelesen, bin aber einem völlig anderen privaten Iran persönlich begegnet. Hat mich ein bisschen an die DDR erinnert.

Wir wurden oft zum Essen oder zum Tee eingeladen. Meist haben wir dann unsere Bilder von Hause gezeigt.
Einmal hat sich eine Familie begeistert unsere Fotos von Deutschland angeschaut: Der Roofensee mit Sonnenuntergang, die ganze Familie vor dem Tannenbaum.
„Ah, Weihnachten“ sagt die Frau, „Wir feiern hier auch Weihnachten.“ Ich gucke überrascht hoch. In der islamischen Republik Iran? „Klar!“ lacht die Frau unter dem Tschador. „Du musst mal die Geschäfte hier im Dezember sehen. Alles voller ist voller Weihnachtsdekoration.“
Das verstehe ich nicht. Es ist so vieles verboten im Iran, aber ausgerechnet Weihnachten ist erlaubt? Der Ehemann schüttelt den Kopf: „Natürlich nicht, wo denkst du hin, die Mullahs wettern gegen dieses Fest, aber nicht, weil es christlich ist, sondern weil es westliche Konsumgedanken enthält. Aber die Leute hier lieben Weihnachten, es gibt Geschenke und gutes Essen, wir besuchen uns gegenseitig. Weihnachten wird eben auf der ganzen Welt gefeiert.“
Ich schlucke ein bisschen und erzähle, dass in Deutschland in den Schulen keine christlichen Lieder gesungen werden sollen, sondern nur Winterlieder wegen der religiösen Neutralität und dass auf manchen Weihnachtsmärkten Krippen verboten sind, damit muslimische Besucher sich nicht gestört fühlen. Das Gesicht meiner Gastgeberin wird hart. Ihr Lächeln verschwindet. „Muslime haben sich in Deutschland über das Weihnachtsfest beschwert? Das glaube ich dir nicht!“
Ich überlege eine Weile. Sie hat eigentlich Recht. Ich habe noch nie gehört, dass sich Muslime an Krippendarstellungen oder „Stille Nacht“ gestört hätten. Es waren bestimmte Politiker und Lehrer, die „neutrale“ Wintermärkte und Weihnachtslieder ohne christlichen Inhalt gefordert haben und das mit angeblichen „Befindlichkeiten“ von Muslimen und Atheisten begründet haben.
Die Iranerin schüttelt den Kopf und kann das nicht verstehen.
„Manchmal wird in Teheran ein Geschäft geschlossen und der Besitzer verhaftet, weil er die Weihnachtsdekoration nicht abgenommen hat, manchmal gibt es regelrechte Razzias. Dann decken die Geschäftsinhaber alles schnell zu, warten ein paar Tage und dann geht es wieder von vorne los. Wir lassen uns nichts mehr verbieten!“
Und wieder wächst meine Bewunderung für diese stolzen Menschen im Iran. „Ich glaube, wir können viel von euch lernen!“ sage ich leise.
Sie lächelt wieder „Und ihr könntet uns Weihnachtslieder beibringen!“
„Stille Nacht“ auf Farsi (iranisch) - ja, das wär doch mal was!
Dass Weihnachten selbst im strengen Regime der Mullahs gefeiert wird, das hätte ich nicht gedacht.
Ein Fest der Liebe und Friede auf der ganzen Erde — könnte das wirklich funktionieren? Gott, wie naiv klingt das denn!
Aber klingt es wirklich realistischer, mit Luftangriffen in Syrien Frieden zu schaffen? Nach allen Erkenntnissen, was die ganzen Kriegseinsätze in Kuweit, Afghanistan und Irak für schreckliche Folgen hatten, die nun immer stärker auch wie ein Bumerang zurückschlagen? Ist es wirklich naiv, auf das Kind in der Krippe zu setzen, auf das Fest der Familie und des Friedens?
Wir haben schon mal mit Kerzen in der Hand das angeblich Unmögliche erreicht.
Sage mir keiner, dass das nicht geht, ich war an vorderster Linie dabei.
Sage mir keiner, dass Friede auf Erden nicht funktioniert!
Ich wünsche Ihnen und dem Iran und dem Rest der Welt: Friedliche und frohe Weihnachten!


erstellt von Mathias Wolf am 16.12.2015, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin