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13: Die alten Omchen
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13: Die alten Omchen

Februar 2016

Es gibt einen Begriff, der manchmal so unbedacht verwendet wird, dass es mich jedes Mal zusammenzucken lässt: Die „alten Omchen“. Damit sind alte Frauen gemeint.
Der Begriff klingt so niedlich und ist gerade deswegen so herablassend.
Alte Frauen sind für die Kirche auf dem Lande die wichtigste Stütze. Und ich sage ganz bewusst nicht „Ältere Damen“, wie es heute so oft heißt. Wieso „Ältere“? Älter als ich? Älter als du? Bin ich, bist du der Maßstab der Dinge?
Und Damen klingt irgendwie abgehoben. Es sind Frauen! Das ist ein würdevoller Begriff.
Und es ist die unübersehbare Würde von alten Frauen, die mich manchmal dazu bringt, dass ich mich fast vor ihnen verneigen möchte.
Nirgendwo habe ich so viel Weisheit, Stärke und Gelassenheit erlebt, wie bei den alten Landfrauen, denen ich in unseren Kirchengemeinden begegne.

Da ist die 90 jährige, die nur 6 Klassen Schule hatte, die kaum jemals aus ihrem Dorf hinausgekommen ist. Wenn ich sie besuche, dann kann ich über vergleichende Linguistik genauso sprechen wie über den Atom-Deal mit dem Iran oder über Luthers Werk „Von der Freiheit eines Christenmenschen“. Manchmal frage ich schüchtern, ob ich sie nicht überfordere mit den Themen. Dann lächelt sie und fragt mit ihrer schönen Stimme: „Wirke ich so, als würde ich Sie nicht verstehen?“.
Das sind die Momente, wo ich das Gefühl habe, einer wahren Königin gegenüber zu sitzen.
Oder die 78 jährige, die nicht so redegewandt ist. Einmal unterhielten wir uns am Tisch über Burnout und zunehmende Depressionen in der Gesellschaft. Und sie sagte zögernd: „Wenn du was machst, was dir kein Spaß macht, gehste kaputt. Aber die meisten trauen sich nicht, das zu machen, was Spaß macht. Dabei macht jede Arbeit irgendjemanden Spaß!“ Die Tischrunde kuckte sie verwirrt an, aber ich dachte nur: „Vergesst alle Studien zum Burnout. Hier haben wir die richtige Antwort!“

Die wenigsten alten Frauen stehen gern im Mittelpunkt. Die Landfrauen haben zwar eine Fülle von Lebenserfahrungen, aber zu diesen Lebenserfahrungen gehört auch, dass man seine Ruhe hat, wenn man sich nicht einmischt. Schade, dass ihre Weisheit so untergeht. Unsere Welt sähe anders aus, wenn alte Frauen mehr gehört würden.

Alte Frauen brauchen kein facebook, um sich an Geburtstage zu erinnern, sie brauchen keinen Wochenplan, um unglaublich viel zu schaffen, sie kommen kaum herum und wissen trotzdem alles: Warum der gelbe Bäckerwagen nicht mehr kommt, wann dieses Jahr Himmelfahrt ist und wie man Herpes los wird.

Alte Frauen sind viel moderner, als ihnen zugeschrieben wird. Sie freuen sich an schicker Kleidung ebenso wie an sinnvoller Technik, aber „das alte Küchenradio, das bleibt!“. Sie haben kein Problem mit Homosexualität. „Soll doch jeder lieben, wen er möchte, aber dass der Junge raucht, das kann ich nicht gut heißen!“. Sie sind vernarrt in ihre vierjährige Enkelin, finden aber den großen berühmten Schauspieler uninteressant. Für Menschen in Not haben sie Mitgefühl, gerade weil sie selber genug Not erlebt haben. Sie haben keine Angst, ausgenutzt zu werden, sie haben nur Angst um ihre Lieben.
Ja, ich weiß, es gibt auch die anderen.
Aber die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auf dem Land eine echte weise Frau finden, ist ziemlich groß.
Und sagen Sie nie wieder (in meiner Gegenwart) „die alten Omchen!“. Das haben sie nicht verdient.
erstellt von Mathias Wolf am 29.01.2016, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin