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14: Heimweh!
Foto: M Wolf
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14: Heimweh!

März 2016

Heimweh! Was für ein wunderschönes deutsches Wort. Und was für ein Schmerz!
Ich habe als Kind Heimweh gehabt, in jedem Ferienlager. Ich wollte immer nur nach Hause. Nicht in unsere kleine Wohnung im Berliner Hinterhof, wo keine Sonne hinkam. Sondern zu meinen vier wilden Brüdern, mit denen ich sofort wieder gestritten habe, Sehnsucht nach „Vaddan“, auch wenn er oft schimpfte, Sehnsucht nach „Muddan“, vor allem nach ihr.
Heute reise ich viel und wenn ich mit Mann oder Söhnen unterwegs bin, ist alles gut. Fast alles. In der persischen Wüste Dasht e Lut hat es mich gepackt. Die Wüste hat mich in die Knie gezwungen. So leer, so unfassbar fremd, so mächtig. Kein Geräusch, kein Geruch. Nur Sand. Die Trockenheit hat mich krank gemacht, die Hitze brachte mir Kopfschmerzen. Ich wollte nach Hause zum Roofensee, wollte feinen Nieselregen, wollte Kälte spüren an meinen Händen. Heimweh! Weil mir in diesem Moment klar war, wo ich hingehöre: In meine Wiesen, Wälder und Seen, in meine Feldsteinkirchen und meine Lindenalleen. Im Sommer will ich mein Handtuch neben Rudi legen, der mir wortlos zunickt. Ich frage: „Und?“ Er: „Jeht so.“ Damit ist alles über Wasserqualität, Temperatur, Anzahl der Badegäste und Stimmung gesagt. Das ist Heimat. Deswegen bekomme ich Heimweh in der Fremde
Manchmal sehe ich in die Gesichter der zu uns Geflüchteten. Und ich sehe Heimweh. Sie sagen es natürlich nicht. Wie klingt das denn, wenn sie Heimweh hätten nach einem Land, in dem der blanke Horror herrscht, wo die Isis auf offener Straße Leute verbrennt, die Regierung Kabarettisten zu Tode foltern lässt, Frauen lebenslang eingesperrt werden, weil sie Frauen sind? Nach sowas hat man doch kein Heimweh, davor wollte man doch fliehen, oder?
Aber wie fühlen sich die in der Wüste Großgewordenen hier, wo immer alles nass ist, wo du dauernd frierst, wo jeder Sonnenstrahl was Besonderes ist und wo die Menschen mit zwei Worten ein ganzes Gespräch gestalten?
Sie haben Heimweh nach dem lieben schwatzhaften Onkel, der dir den süßesten Tee schenkte, nach dem Ruf des Muezzins in der Morgenröte, nach dem fröhlichen Fastenbrechen mit der ganzen Familie im Kerzenschein. Nach Papa, der mit dir Reiter und Kamel gespielt hat und schon lange tot ist. Nach Mama, nach ihrem Duft, nach ihrem leisen Summen abends. Vor allem nach ihr.
Wem dürfen die Geflüchteten das erzählen? Ihren Mitgeflohenen, die mit denselben Gefühlen kämpfen und einander die harten Männer spielen müssen? Den Deutschen, wo die Geflüchtete Angst hat, als undankbar zu gelten? Es ist nicht so, dass sie Deutschland nicht mögen würde. Ein wundervolles Land, wenn sie hierher wegen ihrer großen Liebe gekommen wäre oder wegen eines tollen Jobs. Freiwillig und mit der Möglichkeit, jederzeit nach Hause zu können.
Da lernt man gern die Sprache und Gebräuche seiner neuen Familie und Kollegen gern.
Aber hier sitzen sie, vor Krieg und Fanatismus geflohen und doch mit Heimweh im Herzen. Heimweh zerreißt das Herz wie Liebeskummer.
Ich denke an die vielen Vertriebenen aus Ostpreußen und Schlesien, die ich beerdigt habe. Sie haben hier Familien gegründet, Karriere gemacht, wurden äußerlich „Einheimische“. Aber in den Beerdigungsgesprächen kam raus: Oma hat sich immer nach Ostpreußen zurückgesehnt. Heimweh ist nicht heilbar.
Wir können viel für die Geflüchteten tun. Wir müssen es ihnen nicht schwerer machen als nötig. Aber das Heimweh können wir ihnen nicht nehmen. Wir können nur Mitgefühl zeigen. Nur? Das wäre schon viel!
erstellt von Mathias Wolf am 07.03.2016, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
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