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16: Urlaub im Pfarrhaus
Foto: M.Wolf
Bildrechte: M.Wolf

16: Urlaub im Pfarrhaus

April 2016

In den dreißiger Jahren war der Umgang miteinander noch viel stärker als heute von körperlicher und psychischer Gewalt geprägt, nicht nur in der Politik, auch im Privaten. Erziehung bestand darin, den Willen des Kindes zu brechen und Zucht und Ordnung herzustellen. Kinder wurden wegen der geringsten „Vergehen“ mit Gürteln und Stöcken geschlagen.
So erlebte es die kleine Jutta Harder auch zu Hause in Fehrbellin. In ihrem Buch „Der verlorene Apfelbaum“ beschreibt sie die emotionale Kälte und die alltägliche Gewalt, die ihr nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule und überall begegnete.
Für Jutta gab es nur einen gewaltfreien Ort auf Erden: Das Menzer Pfarrhaus!
Die Pfarrerstochter war eine von den unzähligen Kindern, die im Sommer im Pfarrhaus Urlaub machten.
Jutta erinnert sich an das Aufatmen, wenn sie nach beschwerlicher Reise endlich den Pfarrhof erreicht hatte.
Kein Brüllen mehr, kein zack zack! Kein Gemecker, keine Ohrfeigen. Stattdessen unendliche Geduld und Güte von Pfarrer August und Helene Reinicke. Hier war Friede, hier trösteten die Erwachsenen die Kinder, statt ihnen noch mehr Angst zu machen, hier durften sie spielen und toben.
Einmal beim Gewitter nahm Pfarrer Reinicke das weinende Kind in den Arm, stellte sich mit ihr an das große Fenster und erklärte ihr ruhig und sanft, wie Blitze entstehen. Und warum sie sich nicht fürchten müsse. Nie hat ihr Vater sie so getröstet.
In Menz hatten alle Ferienkinder Narrenfreiheit. Und wenn die Pfarrersleute sie doch mal maßregeln mussten, dann taten sie das stets mit ruhigen Worten und einer Erklärung, warum etwas verboten war.
Draußen rieben sich die Kinder mit Kirschsaft ein. Doch statt ausgeschimpft zu werden, pustete Frau Pfarrer sie alle nochmal mit Staub an, damit die Muster schön zu sehen waren, lachte und schickte die ganze Bande zum See zum Baden.
Auch die Dorfkinder liebten das Pfarrehepaar. Bis zu 60 Kinder kamen jeden Sonntag in ihren Kindergottesdienst.
Derselbe Pfarrer war zu Erwachsenen unerbittlich streng. Vor allem der Kampf gegen die Naziideologie hatte es ihm angetan. Reinicke ließ keinen Streit aus. Ob Nazilieder, die nicht auf dem kirchlichen Friedhof gesungen werden durften oder ein ausgetretener SS-Mann, dem Pfarrer Reinicke zwar nicht die würdevolle Bestattung versagte, wohl aber das Glockengeläut. Die Polizei musste kommen und den Pfarrer im Haus einsperren, damit die Glocken trotzdem geläutet werden konnten.
Unser Archiv ist voll von Streitbriefen hin und her. Ein Leisetreter war er nicht.
1944 versteckte er Mitglieder der Verschwörung gegen Hitler.
Pfarrer Reinicke wurde verhaftet und zum Tode verurteilt. Es war der Angriff der roten Armee auf Berlin, der ihm das Leben rettete.
Er war streng und herrisch als späterer Superintendent in Gransee, aber unsere Alten sprachen immer mit einem seligen Lächeln von ihm, wenn sie an ihre Kindheit dachten. Und die kleine Jutta weinte jedes Mal bitterlich, wenn der Sommer um war und sie das Paradies wieder verlassen musste.
Und heute?
Noch immer toben im Sommer viele Kinder durch das Pfarrhaus. Wir haben eine Gästewohnung für Familien mit kleinem Portemonnaie. Alle Gästekinder aus Neukölln und Marzahn dürfen durch Frau Pastors Garten laufen und die Erdbeeren naschen. Sie dürfen den Hühnern die Eier klauen und die große Kiste mit dem Sandspielzeug über den ganzen Hof verteilen.
Und wenn Gewitter ist, nimmt Herr Pastor sie auf den Arm, stellt sich an das große Fenster und erklärt ganz ruhig, wie Blitze entstehen.
Noch immer fließen Tränen, wenn der Urlaub vorbei ist.
Und ich wünsche mir nur eins: Dass auch in hundert Jahren Kinder auf dem Menzer Pfarrhof ein Stück Paradies auf Erden erleben.
erstellt von Mathias Wolf am 03.05.2016, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin