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17: Von klugen und weniger klugen Menschen

Juni 2016

Ein echter Vorteil meines Berufes als Landpfarrerin ist die Vielfalt der Menschen, mit denen ich ins Gespräch komme.
Da ist die promovierte Informatikerin aus Amerika, die sich im Sommer in unserer Kirche trauen lässt, der prominente Manager, der hier regelmäßig unerkannt Urlaub macht, meine alten weisen Landfrauen in den Dörfern, die inhaftierten Männer in Wulkow, mit denen ich regelmäßig spreche, die Künstler und Musikerinnen, die im Sommer in unseren Kirchen auftreten – unterschiedlicher geht’s nicht.
Immer wieder werde ich überrascht und alle meine Klischees werden über den Haufen geworfen.
Ich weiß noch, wie mal bei einer sehr feuchten Feier in der Garage eines Bekannten die angetrunkenen Gäste sich über Verbrecher äußerten und was sie alles mit denen machen würden. Es wurde immer barbarischer. Plötzlich stand einer auf, stellte sich vor alle anderen hin und rief laut: „Todesstrafe geht gar nicht! So. Jetzt wisst ihr Bescheid!“. Und setzte sich wieder. Für drei Sekunden war Ruhe, dann brummelten alle und redeten schnell über was anderes. Und ich schämte mich, weil ich es diesem Mann nicht zugetraut hatte und weil ich selber die Klappe gehalten hatte, um dem Streit aus dem Weg zu gehen. Ich danke ihm noch heute für diese klaren Worte!
Ein weitgereister und sehr toleranter Künstler dagegen sagte mal sinngemäß, dass man den Ausländern ja ihr frauenfeindliches Verhalten nicht so übelnehmen dürfe, die seien eben etwas unterbelichtet. Und ich war sprachlos über so viel Dummheit und Rassismus von dieser unerwarteten Ecke.
Wütend werde ich, wenn jemand über „die einfachen Menschen vom Dorf“ redet, auf deren „Rückständigkeit“ man angeblich Rücksicht nehmen müsse. Der hat nie zugehört, wenn unsere Alten reden. Es ist nämlich fast unmöglich, einer 90-jährigen, die Krieg, Hunger, Vertreibung und Diktatur miterlebt hat, heute aus der Ruhe zu bringen. Wenn gutsituierte junge Leute ihre Bedrohungsszenarien entwerfen, dass Deutschland zugrunde geht, dass die Armut uns alle auffrisst, wenn wir nicht vorher alle vergiftet werden, dann lachen die Alten und singen auf der Bank vor dem Haus den alten Schlager „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei!“. Die haben keine Angst vor der Moderne, die haben das Schlimmste nämlich schon hinter sich.
Selbst in Wulkow, wo ich die Inhaftierten regelmäßig besuche, werde ich immer wieder überrascht. Einmal unterhielten ich mich mit einem Mann über Drogen und Prostitution und ob vielleicht Haschisch legalisiert werden solle (er war dagegen!) oder ob Prostitution verboten werden solle. Er kuckt mich misstrauisch an und fragt: „Frau Wolf, soll das eine Fangfrage sein?“ Ich sagte, dass es gute ja Gründe gebe, Prostitution legal zu lassen. Da wurde er wütend und sagte: „Das ist bestialisch, was den Frauen da angetan wird. Keine überlebt das ohne Schaden am Körper und im Kopf. Und der Staat kuckt zu und kassiert noch Steuern?“ Dann überlegte er kurz und sagte: „Es gibt doch so ein Gesetz mit Ehre oder so…? Jetzt weiß ich: Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Ich staunte. „Sie argumentieren mit Artikel Eins des Deutschen Grundgesetzes?“ Er sagte: „Na wenn dit nich die Würde von Menschen angreift, wat‘ n denn?“. Das war richtig klug!
Ob 10-jährige Kinder oder demenzkranke Bewohnerinnen eines Heimes, ob 14 jährige Shoppingqueens mit Smartphone oder müde Alkoholiker: Die klügsten Kommentare kommen oft von Menschen denen ich das nie zugetraut hätte. Was leider mehr über mich als über diese Menschen aussagt. Aber ich lerne auch dazu. Ich werde nicht müde, zuzuhören und neugierig zu bleiben auf die unterschiedlichen Menschen, die irgendwie mit Kirche zu tun haben.
„Meine Familie“ nannte Jesus sie mal. Geschwister nicht im Blute sondern im Geiste. Genau das ist es: Nicht über mir stehende, nicht unter mir stehende, sondern meine Brüder und Schwester
erstellt von Mathias Wolf am 04.06.2016, zuletzt bearbeitet am 13.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin