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18: Willkommen im Club! Was eine Landpfarrerin einer ehrenamtlichen Land-Feuerwehr zu sagen hat
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18: Willkommen im Club! Was eine Landpfarrerin einer ehrenamtlichen Land-Feuerwehr zu sagen hat

Oktober 2016

20 Prozent Mitgliederverlust in den letzten 5 Jahren. Je weiter weg von Berlin, desto höher die Prozentzahl. Im Speckgürtel dagegen heißt es: Wir wachsen so schnell, dass wir die neuen Mitglieder kaum noch betreuen können.

Nein, diesmal rede ich nicht von der Kirche, sondern von der Freiwilligen Feuerwehr. Die Nachricht stand vergangene Woche in unserer Lokalzeitung.
Und ich gestehe, dass meine Gefühle zwiespältig waren beim Lesen dieser Nachricht. Das erste Gefühl, ganz ehrlich? Siehste, es liegt nicht an uns, dass wir in der Kirche immer weniger werden, es ist ein allgemeiner Trend.

Erst das zweite Gefühl war Trauer.
Über diesen drastischen Mitgliederschwund habe ich bisher kaum etwas gelesen. Manchmal hieß es nur, dass diese oder jene freiwillige Feuerwehr fusioniert sei, zu Deutsch: aufgegeben wurde. Mir fällt jetzt erst auf, dass viele jungen Männer, die ich betreue, nicht mehr Mitglied der Feuerwehr sind. Das war vor 8 Jahren wirklich noch anders, da waren die meisten aktiv.
Das ist der Dominoeffekt: Je weniger mitmachen, desto wahrscheinlicher, dass die letzten auch noch aufhören!
Jetzt müssen sich die freiwilligen Feuerwehren mit den gleichen Problemen herumschlagen wie die Kirchengemeinden.
Die Aufgaben werden immer mehr, die Feuerwehren sollen auch gleich noch den Zivilschutz und die Terrorabwehr unterstützen, die Standorte werden immer weniger, die aktiven Leute werden frustrierter, weil sie die Austritte ihrer ehemaligen Kameraden nicht nur kompensieren, sondern auch mental verkraften müssen.
Und die Reaktion von Kommunalpolitikern auf dieses Drama ist so ähnlich, wie die Reaktion der Kirchenleitung auf die Austrittszahlen.
Studien werden in Auftrag gegeben, die Jugendarbeit soll intensiviert werden, die Gebäude und Technik besser ausgestattet werden.

Liebe Freunde von der Feuerwehr, ich kann euch jetzt schon sagen: Funktioniert alles nicht!
Die Jugendarbeit könnt ihr euch stecken, denn die wenigen Jugendlichen, die aktiv sind, werden nicht hierbleiben. Sie werden in die Städte gehen, wo heute schon der Zuwachs kaum noch gemeistert werden kann.
Die Feuerwehrhäuser und Technik könnt ihr aufwändig sanieren, aber nach der großen Einweihungsfeier wird sich kaum noch jemand dorthin verirren. Also lasst es!
Die aktiven Erwachsenen in unseren Dörfern sind fast alle Pendler, die 10-12 Stunden am Tag nicht im Dorf sind und am Wochenende sich um ihre Familien und Höfe kümmern müssen.
Und unsere Rentner, die oft noch bis 80 Jahre aktiv und fit sind, haben Familien, die weit weg wohnen, die sie oft besuchen.
Da braucht es keine Studie dafür.

Fragt uns von der Kirche, wir können euch das alles erzählen.
Und wir können euch von unseren gescheiterten Versuchen berichten, die Entwicklung aufhalten zu wollen.
Meine Empfehlung als Expertin für schrumpfendes Ehrenamt auf dem Lande: Versucht, die vorhandenen Aktiven zu stärken.
Macht keine Umfragen, was die Menschen wollen, denn dann werden sie euch eine Wünsch-dir-was Liste hinlegen, die schlicht nicht erfüllbar ist.
Kenne ich von der Kirche.
Fragt die Menschen lieber, was sie daran hindert, wenigstens hin und wieder einzuspringen.
Gerade bei Zugezogenen, die aktiv sind, ist es oft das Gefühl, in eine geschlossene Gesellschaft nicht hineinzukommen.
Manchmal ist es auch die Befürchtung, dass aus dem kleinen Finger, der dargeboten wird, gleich die ganze Hand gefordert wird. Sagt ganz klar, was ihr von den anderen erwartet, dann kann der sich drauf einstellen.

Gebt auch mal ab. Ich kenne das in der Kirche, da möchte jemand sich engagieren, aber Tante Helga hält alles fest in der Hand. Und jammert, dass ihr alles zu viel wird.
Das gibt es bei Euch auch.

Seid tolerant. Ihr könnt tätowiert sein und AFD wählen. Aber wenn der schlimme Unfall auf der B 96 ist, dann braucht ihr auch den linken Dreadlock-Träger. Dann seid ihr einfach nur Kameraden.

Entwickelt ein bezahlbares Konzept für neben- und hauptamtliche Mitarbeitende.
Nicht alles kann ehrenamtlich gemacht werden. Ausgenutzt werden ist keine Ehre!
Die Hauptaufgabe der Feuerwehr ist immer noch: Brandbekämpfung, Unfallhilfe, Notfallhilfe.

Streicht alles, was nicht Kernaufgabe ist. Stellt alles auf den Prüfstand: Brauchen wir das wirklich?
Jammert nicht: „Wie soll denn das alles noch funktionieren?“, sondern antwortet mal ohne Selbstmitleid: „So muss das nun funktionieren!“
Wartet nicht auf schlaue Leute, die ein Konzept aus dem Boden stampfen, die einzigen schlauen Leute seid ihr selbst.

erstellt von Mathias Wolf am 13.10.2016, zuletzt bearbeitet am 14.10.2016
veröffentlicht unter: Blog: Gedanken einer Dorfpfarrerin