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Wer hätte das gedacht?
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Wer hätte das gedacht?

Andacht von Pfarrer Christian Guth, Gransee

Wer hätte es gedacht, was da Anfang des Monats geschah? Ich zumindest nicht. Die plötzlich aufbrechende Diskussion um die Ehe für Menschen gleichen Geschlechts – ich hatte sie nicht erwartet. Nicht nur, weil die parlamentarischen Debatten schon abgeschlossen schienen, sondern weil es so schien, als würde die Ehe als Institution immer unattraktiver werden. Während zur Wendezeit noch mehr als eine halbe Million Ehen pro Jahr geschlossen wurden, war diese Zahl zwischenzeitlich um mehr als ein Viertel zurückgegangen. Fast schien es so, als würde es bald gar keine Hochzeiten mehr geben. Und mit einem Mal waren da Menschen, die sich genau danach sehnten. Nach Stabilität, Dauerhaftigkeit, Beständigkeit. Nicht nach Freiheit und Unverbindlichkeit, sondern nach Bindung bis zum Lebensende. Und das, obwohl weiterhin statistisch jede dritte Ehe geschieden wird. Während ich in der schönen Situation bin, das Glück von Trauungen und die frische Liebe zweier Menschen zu erleben, gibt es leider auch die Situationen, wo die Liebe nicht mehr fassbar scheint. Mir wird dann bewusst, wie zerbrechlich unsere Beziehungen sind und wie unerwartet auch die Liebe nachlassen kann. Im Monatsspruch für den Juli heißt es vom Apostel Paulus: „Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung.“ Für ihn ist klar, dass Liebe mehr als ein Gefühl ist; sie ist mit einem Feuer vergleichbar ist, das genährt werden muss. Und mich erinnert er daran, dass Liebe Zeit und Pflege braucht: den Austausch von Erfahrungen und Erlebnissen, dem anderen zuzuhören und Dinge mit ihm zu teilen, sodass man miteinander an alledem wachsen kann. In der Liebe ebenso wie in der Beziehung. Mir fällt das zuweilen schwer, weil es immer wieder so viel Dringendes und Zwingendes gibt, das mir die Zeit raubt für das Wesentliche. Heute habe ich angefangen, sie mir aktiv zu nehmen, sie fest zu planen, weil mir bewusstwurde, dass es doch eigentlich nichts Schöneres und Wichtigeres gibt, als sich Zeit zu nehmen und Zeit zu verschenken für die Menschen, die man liebt und die einen tragen.

Christian Guth
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv

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