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Andacht von Nele Poldrack, Pfarrerin in Leegebruch

„Ich komme schon allein klar.“, sagt Frau Schulze, als ich sie frage, ob sie nicht die Nachbarin bitten kann, ihr einmal beim Einkaufen etwas mitzubringen. Während wir miteinander reden, klagt sie, wie allein sie in ihrer Wohnung jetzt ist. Nach dem Tod ihrer Tochter musste sie hierher ziehen. So hatte sie sich ihre letzten Lebensjahre nicht vorgestellt. Nun erzählt sie von der Frau, die neben ihr wohnt. Gestern kam es auf der Treppe zu einem Gespräch. „Sie ist auch allein und hat gleich angefangen, von ihren Krankheiten zu erzählen.“ Ich ermutige Frau Schulze, die Frau doch mal zu Kaffee einzuladen, um mehr von ihr zu erfahren. „Ach, wer weiß, was das für eine ist“, sagt sie. Damit ist das Thema für sie erledigt. Die Angst überwiegt ihre Neugier. Ich verstehe, dass niemand Frau Schulze ihre Tochter ersetzen kann. Auch, dass Trauer Zeit braucht und vielleicht auch das bewusste Aushalten der Einsamkeit. Und ich weiß selbst, wie schwer es ist, Fremden gegenüber etwas von sich preiszugeben: wie ich lebe, was mich freut und bedrückt. Es ist auch ein Risiko, wenn man so dicht nebeneinander wohnt. Es braucht nur ein Missverständnis, schon ist das Problem da. Aber es ist nicht schlimmer als Einsamkeit. „Ich komme schon allein klar“, ist ein asozialer Satz. Wie wäre es mit: „ Haben Sie morgen Zeit? ich würde mich freuen, wenn Sie mich besuchen kämen.“ Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. – Frau Schulze hat erst heimlich den Namen vom Klingelschild ihrer Nachbarin gelernt. Als sie sich treffen, reden sie übers Wetter, und dann, dass man ja doch in Bewegung bleiben muss und dass Spazierengehen allein keinen Spaß macht. Jetzt drehen sie täglich eine kleine Runde um den Block. Als ich Frau Schulze das nächste Mal sehe, sagt sie: „Danke für den Schubs, den Sie mir gegeben haben“, und lächelt dabei. - Ich glaube, jede und jeder braucht Menschen. Und das kann und sollte sich nicht auf die eine Enkelin beschränken, die weit weg wohnt. Menschen gibt es ganz nahe. Sie sind nicht immer die Traumpartner – aber für den Spaziergang, die mitgebrachte Butter oder den Plausch auf der Treppe genau richtig. Bedürftigkeit zeigen – das kann Türen und Herzen öffnen. Das will ich auch lernen: denn „ich komme schon allein klar“ ist zwar ein Zeichen des Erwachsenwerdens, aber wir Erwachsenen sollten gleich weiter lernen: zeigen, was wir brauchen und wünschen: damit erst kann erfülltes Leben gedeihen.
Ihnen ein gesegnetes Wochenende – Nele Poldrack
erstellt von Mathias Wolf am 11.09.2017, zuletzt bearbeitet am 17.09.2017
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv

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