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Bericht der Synodalen AG Flucht und Migration für die Kreissynode am 7.11.2015

von Pfarrerin Ute Gniewoß

Liebe Synodale,

Uns alle berührt die Tatsache, dass viele Flüchtlinge zu uns kommen und ich möchte Ihnen als Vorsitzende der synodalen AG Flucht und Migration einen Überblick geben über unsere derzeitige Arbeit und auch einige Bitten an Sie richten.

Insgesamt haben wir den Eindruck, dass sich durch die Flüchtlinge, die bei uns ein neues Zuhause suchen, unsere Gesellschaft verändert und auch das Leben in den Kirchengemeinden. Diese Veränderungen werden nach unserer Einschätzung aber noch nicht in ihrer Tiefe wahrgenommen – noch nicht ausreichend in ihrer diakonischen und geistlichen Dimension.

Mindestens 1600 Flüchtlinge sind nach unserer Zählung bereits auf dem Gebiet unserer KK untergebracht, davon allein etwa 800 in Stolpe (im Heim und in Wohnungen), was zwar nicht unser Kirchenkreis ist, aber die dort lebenden Flüchtlinge gehören in den Landkreis Oberhavel und daher sind wir dort seit Jahren engagiert. Schon jetzt ist absehbar ist, dass es mehr werden, da z.B. auf lange Sicht in der Stadt Velten noch etwa 360 Flüchtlinge zu erwarten sind und in Bärenklau von den erwarteten 400 erst 60 angekommen sind. Es ist wunderbar, dass es sehr engagierte Willkommensinitiativen außerhalb und innerhalb unserer Kirchengemeinden gibt, deren Einsatz nicht zu unterschätzen ist. In Bezug auf die Beratungsstelle und die Arbeit in unseren Kirchengemeinden möchte Ihnen gegenüber heute fünf Punkte ansprechen, die uns beschäftigen.

1. In der Beratungsstelle arbeiten jetzt zwar drei Menschen, aber sie haben insgesamt nur einen Stellenumfang von 73 Wochenstunden. Die drei können schon jetzt nicht alles tun, was sie gerne tun würden, bzw. was nötig wäre, da jeder einzelne Fall in der Asylverfahrensberatung in der Regel ziemlich zweitaufwändig ist und sie viele Anfragen bekommen, die über die reine Asylverfahrensberatung hinaus gehen. Wir müssen also schon jetzt über eine Stellenaufstockung nachdenken. Wir haben kürzlich erfahren, dass das Land drei Stellen für unabhängige Asylberatung einrichten möchte und wir bitten hiermit unseren Superintendenten bzw. den Kreiskirchenrat darauf hinzuarbeiten, dass wir davon eine Stelle abbekommen – schließlich können wir ja damit argumentieren, dass unsere Beratungsstelle diese Arbeit seit 20 Jahren professionell durchführt.
Die Beratungsarbeit findet im Moment in Hennigsdorf und ab demnächst donnerstags in Zehdenick statt wie zuvor in Gransee. Wir haben in Gransee einfach die Situation einer gut arbeitenden Willkommensinitiative und in Zehdenick zwar eine sehr aufgeschlossene Kirchengemeinde, aber ansonsten deutlich mehr Beratungsbedarf und zweitens leider auch rassistische Vorfälle. Wir werden an dieser Stelle flexibel bleiben müssen, weil sich die Situation immer mal wieder ändert, aber wir dürfen die sowieso schon Überstunden machenden Mitarbeiterinnen nicht weiter überfordern – mit anderen Worten: wir können sie nicht überall dort einsetzen, wo wir sie gerne einsetzen würden.

2. In den Kirchengemeinden gibt es durchaus Überlegungen, wie Flüchtlinge unterstützt werden können – und eben auch schon engagierte Menschen, aber bisher gibt es kaum Aufnahmen in kircheneigene Wohnungen und kaum Initiativen, die Gemeindeglieder dazu anreizen Flüchtlinge auch in Privatwohnungen aufzunehmen. Es wäre toll, wenn sich das bald ändert.

3. Auch in Bezug auf das Kirchenasyl ist die Entwicklung schleppend. Wir konnten in den letzten Monaten in unseren Kirchengemeinden vier Kirchenasyle durchführen und erfolgreich abschließen, wofür wir sehr dankbar sind. Aber uns sind in der synodalen Arbeitsgruppe bisher nur zwei Gemeinden bekannt, die darauf vorbereitet sind Kirchenasyle in ihren Räumen durchzuführen. Wir bitten euch dringend darum, dass es mehr Gemeinden werden, denn nicht nur durch die Zunahme von Flüchtlingen, sondern auch durch das jetzt sehr schnell vom Bundestag verabschiedete Asylverfahrenbeschleunigungsgesetz wird es die Indikation Kirchenasyl in Zukunft öfter geben und wir brauchen einfach mehr Gemeinden, die sich darauf vorbereiten.
Wir wissen, dass es manchmal ein längerer Prozess ist, bis eine Gemeinde sich so informiert und strukturiert hat, dass sie dazu bereit ist. Es gibt zwei weitere Kirchengemeinden, die diesen Prozess aussichtsreich begonnen haben und einem Kirchenasyl grundsätzlich positiv gegenüber stehen. Eine weitere Kirchengemeinde hat gesagt, wir unterstützen ein Kirchenasyl durch Geld, haben aber keine Räumlichkeiten. Soweit die Informationen, die wir dazu haben. Wir bitten euch also, dieses Thema in den GKRs nicht für erledigt zu halten. Wir sind gerne bereit, in den GKR zu kommen und zu informieren.

4. Ich möchte Sie auch noch darüber informieren, dass wir einen neuen Flyer gestaltet haben, in dem wir zu ehrenamtlicher und finanzieller Mitarbeit ermutigen. Die ehrenamtliche Arbeit wollen wir in der synodalen Arbeitsgruppe und im Mitarbeiterinnenteam begleiten und wir sind dabei, dazu erste Ideen zu entwickeln. Einige Flyer habe ich mit, weitere sind noch im Druck.

5. Wir arbeiten im Moment in der auf der letzten Wahlsynode bestätigten Zusammenstellung, möchten Sie aber bitten Pfarrer Domke aus Zehdenick auch noch in unsere AG zu berufen (in Bezug auf Herrn Sadewasser hatte ich von Saskia keine Rückmeldung bekommen und konnte ihn daher nicht nennen / A. Domke ist später auf der Synode offiziell bestätigt worden.) bzw. als Mitglieder zu bestätigen. Wir würden uns auch über weitere engagierte Mitgestaltende freuen, die ein Herz für die Arbeit mit Flüchtlingen haben.


Abschließend möchte ich noch sagen, dass wir alle ja in den letzten Wochen spüren, dass sich unsere Gesellschaft polarisiert. Die einen sagen: wir wollen hier nicht mehr Flüchtlinge und wir verkraften das nicht und die anderen sagen: Flüchtlinge sind bei uns willkommen und wir machen uns für sie stark. Diese Polarisierung zieht sich auch durch unsere Kirchengemeinden.

In dieser Situation ist von uns zweierlei gefragt, nämlich erstens im Gespräch zu bleiben und Informationen zu geben und zweitens ganz klar zu sagen, wo wir stehen. Und unser Standpunkt ist nicht beliebig, hat nicht einfach etwas mit unterschiedlichen politischen Einschätzungen zu tun, sondern mit der Grundhaltung unseres Glaubens, in besonderer Weise für die da zu sein, die um der Rettung ihres Lebens willen fliehen mussten – und das ist die ganz deutliche Mehrzahl aller, die jetzt kommen. Und auch mit unserer Grundhaltung, nach der ein syrischer Greis oder eine kenianische Frau genauso eine Ebenbild Gottes ist wie jede und jeder von uns, ausgestattet mit dem gleichen Recht auf Leben.
Wir sind davon überzeugt, dass es bei der Herausforderung der Flüchtlingsrettung und -aufnahme um die Bewährung unseres Glaubens geht – auch wenn es bei vielen mit Verunsicherung und Ängsten verbunden sein mag. Das ist keine Katastrophe. Eine Katastrophe wäre es, wenn Menschen sterben, auch weil wir nicht erkannt haben oder verdrängt haben, wie Gott uns jetzt braucht. Wir sind dankbar dafür, dass es ein geistliches Wort zur aktuellen Situation der Flüchtlinge von allen Bischöfinnen und Bischöfen der EKD gegeben hat und legen Ihnen auch dieses zur Lektüre ans Herz. Vielen Dank.
erstellt von Mathias Wolf am 03.12.2015, zuletzt bearbeitet am 31.05.2017
veröffentlicht unter: Arbeitsgruppe für Flucht und Migration

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