Start Willkommen im Kirchenkreis Presseberichte aus dem Kirchenkreis Artikel: Die Wunden sind immer noch groß
Die Wunden sind immer noch groß

Die Wunden sind immer noch groß

Bericht aus dem Uckermarkkurier zur Templiner Friedensdekade

Die Wunden sind groß, sagt Lilo Fuchs, die Frau des Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs. Sie hinterlassen auch bei nachfolgenden Generationen noch emotionale Narben.

Templin (sw)

„Du, laß dich nicht erschrecken in dieser Schreckenszeit. Das woll’n sie doch bezwecken, daß wir die Waffen strecken schon vor dem großen Streit“, klang es am Montagabend durch den Gemeinderaum der evangelischen Kirche Templin.
Jugendarbeiter Lutz Böning hatte Wolf Biermanns Kampflied „Ermutigung“ für den Auftakt zu einer Gesprächsrunde im Rahmen der Friedensdekade herausgesucht. Zeilen, die in der DDR die Oberen verschreckten, Tabus brachen, zum Widerstand aufriefen und junge Leute ansprachen, die von Natur aus infrage stellen.

Lilo Fuchs, die Frau des bekannten und inzwischen verstorbenen Bürgerrechtlers Jürgen Fuchs, die am Montag von Dr. Alexander Genschow interviewt wurde, gehörte mit ihrem späteren Mann zu jenen Studenten in Jena, die fragten, hinterfragten, diskutierten. Und die den Versprechungen von Partei und Staat in der beginnenden Honecker-Ära zunächst Glauben schenkten, jetzt werde es alles offener: „Beteiligt Euch!“ Ein gefährlicher Glaube, wie sich herausstellen sollte. Erst recht, seit zu den Kommilitonen in den Studentenstuben die jüngste Tochter Robert Havemanns gehörte. Sie machte die jungen Leute mit ihrem Vater, dem rebellierenden Wissenschaftler und Politiker, der in der Nazizeit der Todeszelle entkam, bekannt und führte sie in Liedermacherkreise mit Wolf Biermann, Gerulf Pannach und Christian Kunert (Renft) und Bettina Wegner ein. Wegen seiner eigenen kritischen Texte und Gedichte wurde Jürgen Fuchs kurz vor Abschluss seines Psychologiestudiumstrotz bestandener Prüfungenexmatrikuliert. Das bedeutete Berufs- und Auftrittsverbot. Mit 22 Jahren erlebte seine Frau, die junge Mutter und Psychologiestudentin Lilo Fuchs, eine verwirrende Zeit. „Der Mann von Gefängnis bedroht, und ich wusste nicht, womit wir das Geld für unsere Familie verdienen sollten“, erzählt sie in Templin von den sie prägenden Erfahrungen in den 70er Jahren. Familie Havemann nahm sie damals auf ihrem Grundstück in Grünheide auf. Lilo Fuchs erlebte eine Zeit, die man als Psychoterror gegen ihren Mann, ihre Familie, die Familie Havemann und deren Freunde und Mitstreiter beschreiben konnte. Sie selbst benutzte am Montag solche Worte nicht. Dauerbeschattungen durch je drei Bewacher pro Person, Drohungen, Hausarreste sprachen für sich. Warum sie Jürgen nur im Visier hatten? Sie hatten doch nichts getan außer, ihre Meinung zu sagen…

Dr. Genschow förderte mit behutsamen Fragen bedrückende Erlebnisse von Lilo Fuchs rund um die Verhaftung ihres Mannes drei Tage nach der Biermann-Ausbürgerung zutage. Sie schilderte die entwürdigenden Prozeduren der Besuche bei ihrem inhaftierten Mann, mit dem sie weder übers Verfahren reden, noch ihn berühren durfte. Währenddessen organisierten Freunde, dass Jürgens Texte in einem ersten Buch im Rowohlt-Verlag erschienen. Ihrem Mann habe es Kraft gegeben, so zeigen zu können, dass er aus politischen Gründen hinter Gittern saß. Nach neun Monaten Haft sollten Lilo und Jürgen Fuchs eine Entscheidung fällen, ohne wirklich eine Wahl zu haben. „Dank“ der Hafterlebnisse waren Jürgen Fuchs und seine Mithäftlinge sich ihrer Gesundheit und ihres Lebens nicht mehr sicher. „Dabei hatten wir uns geschworen, wir gehen auf keinen Fall weg“, erzählte Lilo Fuchs. Als sie und ihr Mann später, nach der Wende die Vernehmungsprotokolle lasen, habe es sie gegruselt. Sie fühlten sich „ausgesperrt“ aus ihrem Land. Wenn sie auch in Westberlin versuchten, einen ganz normalen Alltag zu leben, ihre Emotionen konnten sie vor ihren Kindern nicht verbergen. Das wirke nach bis in die Folgegenerationen, ist Lilo Fuchs überzeugt, die DDR habe Menschenrechtsverletzung auch an ihnen begangen. Von Westberlin aus versuchten die Fuchs’ zurückgebliebene Mitstreiter in der DDR mit Informationen und Texten zu versorgen. Dabei habe die Stasi sie bis nach Westberlin verfolgt. Fotos in deren Akten belegten: Das Haus, die Wohnung der Familie wurden fotografiert, Fuchs‘ bei den Nachbarn diffamiert. Entsprechende Telefonanrufe dokumentierte die Stasi akribisch. Nicht zuletzt explodierte direkt vor ihrem Haus ein Pkw. Ein Anschlag? In der Stasi-Akte sei die Frage vermerkt worden: Wie hat Herr Fuchs auf das Ereignis reagiert?

Als die Mauer fiel, schickte ein Bürgerkomitee nach Jürgen Fuchs, ob er nicht helfen könne bei der Sichtung der Stasi-Akten. Später fand er einen Arbeitsplatz in der Gauck-Behörde. Jürgen Fuchs wollte Gewissheit, Beweise, auch über mysteriöse Todesfälle, wollte forschen und Bücher schreiben. „Die Wunden sind groß, die friedliche Revolution klingt gut, aber das Kriegerische geschah vorher“, sagte Lilo Fuchs. Ihr Mann habe nicht gewollt, dass Menschen, die ihnen das angetan haben, nach der Wende in ihre Gefängniszellen kommen. Das wäre eine Beleidigung. Sie wollten die Täter in die Schrebergärten geschickt wissen, auf dass sie in diesem Land nie wieder in führende Positionen kämen.

Alexander Genschow fragte Lilo Fuchs, was sie fühle, angesichts von 200 000 politisch Gefangenen, darunter auch Toten, und dass nur 20 Verantwortliche rechtskräftig verurteilt worden seien. Man könne darüber verrückt werden, wenn man die Taten nicht nachweisen kann – „ja, es ist ungeheuerlich“, bestätigte Lilo Fuchs. „Das was war, steckt auch in Heutigem noch drin“, zeigte sie sich überzeugt und wünschte sich, dass noch viel mehr darüber geredet werde. „Wir hätten sprechen müssen“, sagt sie auch jenen, die Schuld auf sich geladen haben. Aber das sei ungeheuer schwer, denn nach dem „Krieg“ komme der Alltag und mit ihm die Mechanismen, sich dieser Zeit zu entledigen. Sie hoffe, dass junge Menschen aus dieser Zeit den Mut schöpfen, nicht nur die schönen Seiten der offenen Gesellschaft zu nutzen, sondern sich auch deren Problemen zu stellen. Dr. Genschow bedankte sich bei Lilo Fuchs dafür, die Kraft gefunden zu haben, mit den Templinern darüber zu reden, in einer Zeit, in der diese DDR-Zustände immer noch verniedlicht würden.
erstellt von Mathias Wolf am 04.12.2012, zuletzt bearbeitet am 16.03.2017
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