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Was sollte ich mich fürchten?
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Was sollte ich mich fürchten?

Ein Interview aus der Neuen Oranienburger Zeitung von Klaus D. Grote (28.7.2014)

Menz – In der Zeit nach Ostern beginnt für viele junge Leute ein neuer Lebensabschnitt. Mit der Jugendweihe oder der Jugendfeier, die seit vielen Jahren wieder sehr populär sind, werden die Jugendlichen in der Erwachsenenwelt aufgenommen.
In den christlichen Kirchen haben Konfirmation und Firmung auch eine tief religiöse Bedeutung.
Über die Feiern zur Konfirmation sprachen wir mit Pfarrer Mathias Wolf aus Menz.

MAZ: Herr Wolf, wie viele Konfirmanden gibt es in diesem Jahr?
Mathias Wolf: Landesweit sind es mehr als 5000. In meiner Gemeinde habe ich in diesem Jahr keinen Konfirmanden, im Nordkreis bereiten wir 21 Jugendliche auf die Konfirmation vor, von denen in diesem Jahr 14 konfirmiert werden.

Gehen die Zahlen zurück?
Wolf: Landesweit sind die Zahlen trotz kleiner werdender Bevölkerung konstant. Dass wir in diesem Jahr in Menz keinen Konfirmanden haben, ist eher Zufall. Ab September besuchen wieder sechs Jugendliche den Konfirmandenunterricht. Und im Südkreis sind die Zahlen deutlich höher.

Beim Humanistischen Verband nehmen in diesem Jahr 770 Jungen und Mädchen an der Jugendweihe teil. Sind die Feiern attraktiver?
Wolf: Das würde ich nicht sagen. Es gibt ein Bedürfnis zu einer solchen Handlung, auch bei Trauungen. Allerdings gehören nur 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung einer Kirche an. Doch auch wir haben ein attraktives Angebot mit monatlichen Treffen, bei denen der christliche Glaube und Gemeinschaft vermittelt werden. Dazu gehören auch Ferienfreizeiten, Ausflüge oder eine Paddeltour im Sommer. Die Jugendlichen sind davon hellauf begeistert. Und das ist echte Begeisterung. Der Konfirmandenunterricht läuft in den Gemeinden natürlich unterschiedlich ab. Doch die Angebote zur Vorbereitung auf die Jugendweihe wie Breakdance und Graffitikurse sind doch sehr unverbindlich. Bei uns geht es darum, was Kirche und Glaube bedeuten, was uns im Leben trägt und wo wir Antworten finden.

Ist die Jugendweihe denn eine Konkurrenz?
Wolf: Ehrlich gesagt, nein. Das ist ein Angebot für Leute, die wir nicht erreichen. Oft gehört dann schon die Großelterngeneration der Kirche nicht mehr an.

Mehr als heute war die Entscheidung für Firmung und Konfirmation und gegen die Jugendweihe früher eine sehr bewusste.
Wolf: In der DDR gab es eine Pflichtjugendweihe. Ich hatte mich dagegen entschieden und musste mit den Konsequenzen leben.
Weil ich mich nicht zur sozialistischen Gesellschaft bekennen wollte, durfte ich kein Abitur machen, obwohl ich einen Einser-Abschluss hatte. Ich habe dann nach der Schule zunächst eine Ausbildung zum Chemielaboranten gemacht, durfte in die Richtung aber nicht studieren. So habe ich als Hausmeister und Heizer gearbeitet und in den 1980er-Jahren an der kircheneigenen Hochschule das Abitur nachgeholt und Theologie studiert. Die Schule und die Abschlüsse zum Diplom-Theologen wurden nach 1990 anerkannt.

Nach der Wende waren die Jugendweihefeiern zunächst gar nicht mehr angesagt. Hat das den Kirchen mehr Zulauf gebracht?
Wolf: Es gab einen Einbruch, aber wir haben davon nicht profitiert.

Inzwischen haben sich die Zahlen für die Jugendweihe erholt. Daneben gibt es die Jugendfeiern, die mehr ein Event sind und Eintritt kosten. Die Konfirmation ist kostenlos.
Wolf: Ja. Für die Freizeiten gibt es natürlich Kostenbeteiligungen, die aber nur ein Drittel der eigentlichen Kosten ausmachen.

Gibt es Jugendliche, die Jugendweihe und Konfirmation feiern?
Wolf: Eher ganz selten. Für die Jugendweihe wird im Gegensatz zur Konfirmation massiv Werbung an Schulen gemacht. Mir wurde das dagegen schon untersagt mit dem Hinweis, „wir sind eine weltanschaulich neutrale Schule“. Das halte ich für inkonsequent.

Wie bereiten Sie die Jugendlichen auf die Konfirmation vor?
Wolf: Da gibt es natürlich feststehende Themen zu Glaube und Kirche, Taufe und Abendmahl. Die Jugendlichen bereiten den Gottesdienst vor, suchen Lieder aus und wählen ihren Konfirmationsspruch.

Erinnern Sie sich noch an Ihren eigenen Spruch?
Wolf: Der Herr ist mein Schild und mein Heil. Was sollte ich mich fürchten?

Gibt es Parallelen zur katholischen Firmung?
Wolf: Ich habe vor zwei Jahren eine wunderschöne katholische Firmung in Schwedt erlebt. Das war richtig toll, authentisch und
würdevoll und trotzdem sehr nah an den Jugendlichen. Es gibt schon Parallelen, das Alter variiert nur etwas. Wir haben das Konfirmationsalter ja bewusst auf 14 Jahre festgelegt, weil die Jugendlichen dann mit der Religionsmündigkeit eines der frühesten Rechte erlangen.

Was geben Sie den Jugendlichen mit auf ihren Lebensweg?
Wolf: Ich hoffe mal ein gutes Grundgefühl zu Kirche und Glauben, ein Gemeinschaftsgefühl und das Gefühl, angenommen zu sein – egal, was oder ob ich etwas leiste. Alle Menschen sind von Gott geformt und haben eine Begleitung, die über das rein Sichtbare hinausgeht. Wenn jemand sagt, dass er nur glaubt, was er sieht, frage ich: „Wie ist es dann mit der Liebe?“ Die sieht man auch nicht.

Wie unterscheiden sich die Jugendlichen von heute von früheren Generationen?
Wolf: Früher bedeutete Konfirmation auch Abschied vom Elternhaus, die wenigstens machten Abitur. Die Mädchen kamen in Stellungen, die Jungen gingen in die Lehre. Zu meiner Zeit war es auch definitiv anders. Ich weiß nicht mehr, wie viele Choräle, Psalmen und Texte wir auswendig lernen mussten. Als Pfarrer profitiere ich davon heute natürlich. Es gab auch strenge Prüfungen, nach denen einige nicht zur Konfirmation zugelassen wurden. Das ist heute anders. Dass die Konfirmanden
das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis sprechen können, möchte ich aber schon. Anstelle einer Prüfung stellen sich die Jugendlichen im Gottesdienst vor.

Bleiben die Konfirmanden der Kirche treu?
Wolf: Ja, mir fällt von meinen Konfirmanden der letzten Jahre keiner ein, der ausgetreten ist aus der Kirche. Die Entscheidung zur Konfirmation ist ja auch eine sehr bewusste.

Wie will die Kirche in Zukunft attraktiv sein für Jugendliche?
Wolf: Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg. Mit unserem jungen Pfarrer Tobias Ziemann aus Gutengermendorf gestalte ich den Unterricht in der Region gemeinsam. Manchmal wollen es aber die Eltern traditioneller als die Konfirmanden selbst.

Interview: Klaus D. Grote
erstellt von Mathias Wolf am 28.04.2014, zuletzt bearbeitet am 16.03.2017
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