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Foto: Isabel Pawletta

Predigt von Bischof Dr. Christian Stäblein am 27.09.2020 in der St. Marien Kirche Gransee

zum 2. Brief an Timotheus, Kapiltel 1, Verse 7-10

Liebe Gemeinde, der Predigttext für heute steht im zweiten Brief an Timotheus im ersten Kapitel und er beginnt mit dem schönen Satz: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern – sondern? – na, mit Blick auf Gransee und das, was hier so ist und Ihr so vorhabt, würde ich sagen: dreimal dürft ihr raten. Wie bitte? Nun, ich habe ein wenig auf der Homepage der Stadt gestöbert, ich war zwar neulich schon mal in Gransee, aber da hat es vor allem geregnet, da bin ich einmal durch die schöne Stadt und das Ruppiner Tor gelaufen, aber dann ging’s schon weiter, also: auf der Homepage gestöbert und dabei auf ein Plakat mit so kleinen, weißen Gesichtern, fast Geisterköpfen gestoßen. Karla Sachse, die bekannte Künstlerin, hat diese Köpfe gestaltet, aus Papierseiten des Buches „Die Entdeckung des Himmels“, wenn ich es richtig verstanden habe. Genial, würde ich meinen, die Entdeckung des Himmels verwandelt in Köpfe, die verschmitzt, fröhlich oder ernst gucken. Da könnte man jetzt eine Weile rätseln und deuten, was da alles drin steckt – dreimal darf man ja, denn: „schwarz weiß, dreimal darfst du raten“ heißt die Ausstellung, die drüben in den Räumen des Ruppiner Tores über den Sommer zu sehen ist, bis Oktober. Naja, steht so im Internet, hat jetzt ein wenig dieses Komische „der Gast erklärt den Einheimischen, was gerade los ist“, aber mich hat das inspiriert, diese kleine Geisterbahn: dreimal darfst du raten.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern – welchen? Ok. Dreimal. Was würden Sie als erstes raten? Gegenteil von Furcht? Mut vielleicht? Oder – weil Furcht ja immer schwach macht, ängstlich, kraftlos – also: Kraft? Genau: Hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft. In der Tat: Kraft ist eine urchristliche Angelegenheit. Dynamis steht da auf Griechisch im Brief an Timotheus, und das nicht nur einmal, sondern mehrfach. Der christliche Glaube ist eine Kraft, eine Energie, wie Dynamik, ein ständiger Motor, aufzubrechen mit Gottes Geist im Rücken. Der christliche Glaube steht nicht dafür, sich mit den schwierigen Dingen abzufinden, wie sie eben sind, sondern sie zu verwandeln, wie sie sein sollten oder wollen oder können. Das sagt sich schnell so dahin? Das braucht konkrete Übersetzungen, sonst bleibt es bei so Wackelköpfen aus Papier, schön, aber etwas geisterhaft. In diesen Tagen erinnern wir an 30 Jahre deutsche Einheit. Ich glaube, man kann und darf sagen: da steckte auch eine Menge christlicher Kraft, ja Geistkraft drin – angefangen beim lange Jahrzehnte Wachhalten, dass die Welt auch anders sein kann, und dann, dass die Räume zum Gebet geöffnet, im rechten Moment die Geister der Furcht, aber auch die Geister der Gewalt vertrieben werden. Die Dynamik der friedlichen Revolution war auch eine christliche, eine, die in den Kirchen ihr zu Hause und ihren Aufbruchsort fand, das kann man sagen, ohne das Ganze zu einer puren Christenveranstaltung zu erklären, das wäre ja Unsinn. Aber der Geist des Aufbruchs ist, der war da.

Da ist es mir jetzt fast peinlich, wenn ich ein zweites Beispiel heranziehe, weil: das liegt jetzt wirklich nicht auf einer Ebene, im Gegenteil, es liegt ganz weit entfernt, aber heute ist heute und heute reden wir über das Zusammenkommen einer Gesamtkirchengemeinde. Wir haben die Urkunde vorhin gehört. Eine Gesamtkirchengemeinde hier in Gransee mit den Orten Schönermark, Sonnenberg, Baumgarten – was haben Sie für schöne Ortsnamen – und später noch die ebenso schönen Alt-Lüdersdorf und das vielfach bekannte Meeseberg. Da braucht man gute Kraft für so einen gemeinsamen Prozess, den Geist der Kraft, den Geist des Mutes, des Aufbruchs, des Wissens: es geht nur Miteinander – ein urchristlicher Geist, der selten allein kommt, sondern nur miteinander, und zwar zusammen mit? Dreimal dürft Ihr raten – na klar: zusammen mit Besonnenheit. Wer sich gemeinsam auf den Weg macht und Strukturen verändert, weil es richtig und nötig ist, der macht das möglichst besonnen. Sie werden genug Zeiten erinnern, in denen dieser oder jener Heißsporn meinte, mit einigen Strichen ganz und gar neue Ordnungen festlegen zu können – die Bildung einer Gesamtkirchengemeinde ist im besten Sinne ein besonnenes Unterfangen, weil das Eigentliche bleibt, wie es ist. Das Eigentliche der Kirchengemeinde, Menschen vor Ort, Kirchen vor Ort leben ihr geistliches Leben, ihre geistliche Kraft, die ihnen geschenkt ist, die größere Struktur dient all diesem vor Ort. Kraftvolle Strukturreform ist immer besonnene, die Strukturen nicht überbewertend.

Der Geist der Besonnenheit – und wieder nehme ich etwas anderes, weit davon entfernt liegendes, unendlich weit, unvergleichlich elementarer und existenzieller: die Zeit der Pandemie, die Zeit mit Corona. Christlichen Glauben macht der Geist der Besonnenheit aus – kein leichtfertiger Umgang mit der Gesundheit des Nächsten, deshalb all die Maßnahmen. Und gleichzeitig keine falsche Fixierung auf die Maßnahmen, als wären sie das allein seligmachende. Wo es Sterbende zu begleiten gilt, gilt es Sterbende zu begleiten. Wo es Nächste zu schützen gilt, gilt es Nächste zu schützen. Beides in aller Besonnenheit und mit einem kräftigen, christlichen: nicht den Geist der Furcht gegeben, fürchtet euch nicht. Ich sage das mir und Euch, weil die nächsten Monate vermutlich noch viel Besonnenheit verlangen werden.

Besonnenheit – und – dreimal darfst Du raten, was fehlt noch? - Nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Besonnenheit und, was fehlt? Na klar: die Liebe. Das ist ja dann doch fast zu einfach. Wenn in der Kirche nach was gefragt wird, ist doch wahrscheinlich immer Liebe gemeint. Oder Jesus.
Sie kennen den Scherz aus dem Religionsunterricht, wo die Lehrerin eine Geschichte erzählt, in der ein kleines Tier auf der Suche nach Nüssen von Baum zu Baum hüpft, wahnsinnig geschickt dabei, die Baumstämme hoch laufend und zwischendurch von Ast zu Ast hüpfend, fast fliegend – na, Sie hier in Gransee kennen das Tier besser als der Berliner in mir – jedenfalls fragt die Lehrerin im Religionsunterricht kurz, welches Tier das nun sei, und die kluge Schülerin antwortet: Normalerweise würde ich sagen, das ist ein Eichhörnchen, aber wie ich den Laden hier kenne, ist die Antwort „Jesus“. Naja, alter Witz, alter Hut.
Wenn ich hier sage, welchen Geist hat Gott geschenkt, dreimal dürfen wir raten, wer würde da in der Kirche nicht erwarten: Liebe. Oder Jesus. Und ist ja richtig. Ist ja sogar eins: Liebe. Jesus. Das ist ein gegenseitiges, wechselseitiges Ertragen. Liebe ist schon entscheidend, weil: Kraft haben wir ja doch nicht immer und Besonnenheit geht manchem, mir jedenfalls, ab und zu verloren. Da ist Liebe entscheidend. Und zwar um auszuhalten, dass in all den Prozessen der Veränderung, dass da nicht immer alles gut geht, dass der andere und ich selbst oft genug falsch reagieren, ja, dass ich manchmal wirklich auf dem falschen Dampfer bin. Dann und da als Gemeinde zusammenzubleiben, dafür hat uns Gott den Geist der Liebe gegeben, was ja nicht heißt, dass wir uns alle lieben und auch nicht mal alle lieb haben müssen. Es heißt ja nur – aber was heißt da nur: den anderen annehmen, wie Christus uns angenommen hat. Und zwar? Als einen, dem nicht alles gelingt, in dem manchmal so viele Köpfe und Geister stecken wie auf dem schönen Bild von Karla Sachse, 14 Köpfe habe ich da aus Papier gezählt, jeder guckt anders, so ist das doch in uns, gut, dass Gott uns liebevoll anschaut, ja, die Liebe ist, die uns trägt.

Also, Predigtwort für heute ist: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. War zu einfach das Ratespiel? Ich ahne, den Vers kennen Sie auswendig. Hier gilt eher: dreimal darfst du raten, aber weißt du sowieso schon. Wichtiger womöglich, zu wissen, wie es weiter geht, also im Brief an Timotheus, meine ich, weil da steht dann auch, worin dieser Geist Gottes gründet. Der ist ja nicht nur so mal eben gegeben, wäre dann doch nicht zu unterscheiden von einem guten Tugendkatalog, den alle haben, ob Christinnen und Christen oder nicht, Besonnenheit, Kraft, Liebe, das ist etwas sehr Gutes, aber auch ziemlich Allgemeines. Also gut zu wissen, wie es weiter geht: Gott hat uns selig gemacht und berufen, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart durch Jesus Christus, der dem Tode die Macht genommen hat und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.
Das, liebe Gemeinde, ist das Kraftvolle an diesem Sonntag: die Botschaft vom Sieg Gottes über den Tod. Haben wir auch kräftig im Evangelium vorhin gehört. Deshalb gilt: Fürchte dich nicht, der Himmel ist schon da. Deshalb gilt: Du hast diese Kraft einer himmlischen Freiheit. Deshalb gilt: Besonnen und liebend kannst Du annehmen, was ist und so verwandeln. Weil Christus dem Tod die Macht genommen hat.

Dreimal darfst du raten – heißt ihre Ausstellung im Ruppiner Tor. Auf diesem Bild von Karla Sachse, wo aus dem Buch die Entdeckung des Himmels kleine Köpfe gemacht worden sind, Köpfe, die mehrheitlich fröhlich oder verschmitzt schauen, da sehe ich genau diese Entdeckung des Himmels: den Geist der Besonnenheit. Und der Fröhlichkeit. Und des Aufbruchs. Und dreimal hätten wir raten dürfen, wo das ist? Und eigentlich nur einmal sagen müssen: na guck dich doch um. Na hier. War ja klar? Auf, auf mein Herz mit Freude! Amen.
Predigt von Bischof Dr. Christian Stäblein am 27.09.2020 in der St. Marien Kirche Gransee
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erstellt von Stefan Determann am 27.09.2020, zuletzt bearbeitet am 28.09.2020
veröffentlicht unter: Neues aus der Kirchengemeinde

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