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Ich möchte meine Kirche bewahren
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Ich möchte meine Kirche bewahren

Ein Interview aus der MAZ/Neue Oranienburger Zeitung vom 12.5.2014

Ich möchte meine Kirche bewahren
Friedemann Humburg, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Oranienburg, über seine Kirche und seine Familie

Friedemann Humburg ist 44 Jahre und seit 2003 Pfarrer der größten Kirchengemeinde in Oranienburg: der evangelischen Gemeinde. Gemeinsam mit Pfarrer Arndt Farack kümmert er sich um etwa 3400 Gemeindeglieder. Auf dem Stadtkirchentag am 17. Mai stellt er seine Gemeinde vor.
MAZ: Wie oft feiern Sie Gottesdienst?
Friedemann Humburg: Jeden Sonntag halte ich zwei Gottesdienste ab. Wenn es möglich ist, sollte jeder
Pfarrer von uns ein predigtfreies Wochenende haben, damit er selbst auch mal zuhören kann. Aber das klappt nicht immer.
MAZ: Jeden Sonntag im Dienst, ist das sehr anstrengend für Sie?
Humburg: Nein, ich finde es sehr schön Gottesdienste abzuhalten. Ich mag es, die Gemeinschaft zu erleben, mich im Vorfeld mit biblischen Texten auseinanderzusetzen und über meinen Glauben zu sprechen.
MAZ: Wann predigen Sie in der Nicolaikirche am liebsten?
Humburg: Am Heiligen Abend ist natürlich der schönste Gottesdienst. Da haben wir zweimal eine
richtig volle Kirche. Um 15 und um 17 Uhr kommen jeweils etwa 700 Besucher, zum Abendgottesdienst
vielleicht noch mal 250. Das ist schon toll. Wenn jeden Sonntag so viele kämen, wäre es natürlich noch schöner.
MAZ: Vor wie vielen Menschen predigen Sie denn sonst?
Humburg: Im Durchschnitt stehe ich in Oranienburg vor 60 bis 80 Gemeindegliedern. Auf den Dörfern sitzen manchmal vier bis fünf Leute vor mir.
MAZ: Wie versuchen Sie denn, mehr Menschen in ihre Kirche zu bekommen?
Humburg: Zum Beispiel haben wir drei Jahre lang das Projekt „Deago“, das heißt der etwas andere
Gottesdienst, durchgeführt. Der richtet sich sonntags 17 Uhr besonders an Familien. Die Predigt ist niederschwelliger, die Kinder können jederzeit nachfragen, wir singen mehr lockere Lieder und verpacken manches in Theaterspiele. Und anschließend wird gemeinsam zu Abend gegessen. Das Projekt ist sehr gut angelaufen. Aber jetzt stehen wir am Scheideweg und überlegen, ob wir es weiterführen.
MAZ: Was gehört denn außer dem Gottesdienst noch zu ihrer Arbeit?
Humburg: Bis Ende vorigen Jahres hatte ich die Geschäftsführung der Kirchengemeinde inne. Das war viel Arbeit. Ich musste mich um die Post kümmern, Ämter besuchen, Anträge stellen. Ich habe notgedrungen viel Zeit im Büro verbracht.
MAZ: Und jetzt?
Humburg: Das Amt hat jetzt Arndt Farack übernommen. Und ich habe wieder mal Zeit, Menschen zu besuchen, die sich sehr freuen, ihren Pfarrer zu sehen. Und dann gibt es noch bestimmte Kreise in der Gemeinde.
MAZ: Die da wären?
Humburg: Zum Beispiel habe ich noch die Konfirmandengruppe, mit der ich mehr erlebnisorientiert arbeite. Über Himmelfahrt fahren wir nach Melnik und einen Tag nach Prag, treffen uns mit einer Schulklasse und schauen uns Gedenkstätten an.
MAZ: Machen Sie so etwas gerne?
Humburg: Oh ja, so was macht mir Spaß, ich bin gerne unterwegs, sehr zum Leidwesen meiner Frau.
MAZ: Wie lange sind sie schon verheiratet?
Humburg: Wir haben am 11. September 1993 geheiratet. Meinen Hochzeitstag werde ich nie vergessen. 2001 saßen wir den ganzen Tag vorm Fernseher und konnten es nicht fassen.
MAZ: Ich nehme an, Ihre Familie hätte gern mehr von Ihnen?
Humburg: Nun ja, es gab schon Zeiten, da war es weniger. Wir haben drei Kinder. Annalena ist 17, Klemens 14 und Lisbeth sechs Jahre. Und die Großen gehen schon ihre eigenen Wege. Aber Lisbeth bringe ich jeden Tag zur Schule. Meine Frau Jutta ist Optikermeisterin und hat das Familiengeschäft in Zehdenick übernommen.
MAZ: Führen Sie ein sehr gläubiges Familienleben?
Humburg: Wir beten natürlich vor den Mahlzeiten. Es gibt Tage, da reden wir viel über Fragen des Glaubens. Aber es entwickelt sich ein wenig auseinander. Unserer 17-Jährigen ist es zu langweilig bei uns, die geht zum Beispiel ins CJO. Und das ist o.k., wenn sie ihren Glauben und ihren Weg so gefunden hat. Auch wenn mich manche jetzt dafür verhauen würden, mal ehrlich, die Zielgruppe unserer Gottesdienste liegt doch bei Ü 50 oder Ü 60. Die Leute im CJO machen dagegen eine Art von Gottesdiensten, die speziell auf Familien zugeschnitten ist. Ich möchte meine Kirche bewahren und erneuern. Deshalb ja auch unser Projekt mit dem etwas anderen Gottesdienst.
MAZ: Kommen Sie denn noch zu Hobbys?
Humburg: Ich spiele leidenschaftlich gern Fußball. Das hat mein Sohn übrigens von mir. Na ja, und nach 21 Ehejahren hat sich sogar meine Frau dran gewöhnt. Aber wir haben auch etwas Gemeinsames gefunden. Die ganze Familie geht gern zum OHC. Und ich gehe gern Joggen. Das ist gut für die geistige Frische. Ich nenne das immer Psychohygiene.
MAZ: Sie wohnen direkt neben der Nicolaikirche?
Humburg: Ja, wir leben im Pfarrhaus, mitten in der Stadt auf einer grünen Insel. Manchmal ist das ganz gut, manchmal nicht so.
MAZ: Wird denn oft an Ihrer Tür geklingelt?
Humburg: Ja, sicher. Wenn in der Kirche das Licht brennt über Nacht, wird eben der Pfarrer informiert. Gut so. Manchmal stehen auch Obdachlose und Bedürftige vor der Tür, die was zu essen brauchen oder ein Dach über den Kopf. Wo sollen die in ihrer Not auch hingehen. Für solche Fälle haben wir einen kleinen Fonds und einen Raum in der Kirche.
MAZ: Bleiben Sie denn den Oranienburgern nach elf Jahren noch ein wenig erhalten?
Humburg: Ja, die Generalsuperintendentin hat mit unserem Kirchengemeinderat gesprochen. Und der hat mich reich beschenkt, indem er meine Arbeit reflektiert und wertgeschätzt hat. Ich fühle mich sehr wohl in meiner Gemeinde und sehe gar keine Veranlassung, mich umzuorientieren. Aber wer weiß schon, was das Leben noch so mit sich bringt.
Interview: Andrea Kathert
erstellt von Mathias Wolf am 16.05.2014, zuletzt bearbeitet am 17.08.2018
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