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Reformation heißt auch, sich nicht dem Zeitgeist zu beugen.

Reformation heißt nicht, dem Zeitgeist hinterherzulaufen

Die Luther-Büste vor der Groß Döllner Kirche mit ihrer bewegten und bewegenden Geschichte steht wie ein Sinnbild auch für die Reformation und das Lutherbild im Wandel der Zeit. Zum Regionalgottesdienst kamen heute die Gemeinden im Norden des Kirchenkreises in der Groß Döllner Kirche zusammen, um der Reformation zu gedenken.Die Predigt hielt Pfarrer Dieter Rohde aus Hammerspring. Musikalisch begleitet wurde der Gottesdienst vom Templiner Bläserchor und Helge Pfläging an der Orgel.

Predigt über 1. Kor.3,11 zum Reformationstag am 31.10.2021 in Groß Dölln
„Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, nämlich Jesus Christus.“

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
in unserem Pfarramt haben sich im Laufe der Jahrzehnte oder sogar darüber hinaus zahlreiche Bibeln angesammelt. Darunter sind mehrere Exemplare aus der Zeit um 1900. Ganz vorn, gleich auf einer der ersten Seiten prangt in diesen Ausgaben ein ganzseitiges Bild Martin Luthers.

Selbstbewusst steht er da in seinem weiten Talar, fest auf beiden Beinen, die Bibel hält er in beiden Händen, den Blick unerschütterlich nach vorn gerichtet. So hat ihn die damalige Zeit gern gesehen: Als den großen Reformator, der mutig Papst und Kaiser entgegengetreten ist und die ganze Kirche herausgefordert hat: „Hier stehe ich und kann nicht anders“; ein Glaubensheld, der der Kirchengeschichte und der Weltgeschichte eine entscheidende Wendung gegeben hat. Damals, wenige Jahrzehnte nach der Gründung des ersten einheitlichen deutschen Staates, wurde er beinahe zu einem Nationalheiligen des deutschen Volkes.

Auch hier in Groß Dölln stand hinter der Kirche ein Denkmal, das genau diesem Bild entspricht: Die Metallbüste auf einem Sockel mit der Aufschrift „Dr. Martin Luther“. Wie ein Feldherr überschaut er das Dorf.
Sein Blick drückt Festigkeit und Entschlossenheit aus. Noch heute nennen die Döllner diesen Platz hinter der Kirche ja den „Luthergarten“.

Nach dem Krieg wurde dieses Denkmal kaputtgeschlagen und etliche Jahrzehnte lagen die Einzelteile unentdeckt in einem Winkel dieser Kirche. Als sie vor einigen Jahren dann wieder aufgefunden worden sind, hat die Döllner Jagdgenossenschaft die Initiative ergriffen und die Lutherbüste restaurieren lassen. Sie steht heute am Eingang unserer Kirche; Sie können sie nachher gern eingehender betrachten. Allerdingst ist sie nicht originalgetreu wiederhergestellt worden, sondern man hat die noch auffindbaren Teile des alten Denkmales so zusammengesetzt wie sie nun da waren.

Nun sieht Martin Luther so aus: reichlich ramponiert. Das ist, finde ich, ein guter Denkanstoß zum Reformationstag. Denn auch unser Bild von der Person und der Wirkung Martin Luthers hat sich im Laufe der Zeit verändert. Der Held von damals hat Dellen bekommen. Es gibt Vieles, was wir heute an Martin Luther kritisch sehen, mit dem wir uns nicht so einfach identifizieren können, wie es die deutschen Protestanten vor rund 120 Jahren konnten. Dazu gehören beispielsweise seine judenfeindlichen Äußerungen. Luther hatte ja gehofft, dass sich die Juden nach der Reformation zum christlichen Glauben bekehren würden. Denn nun war die Kirche ja von allem Unrat gereinigt und zu ihren Grundlagen und ursprünglichen Maßstäben zurückgekehrt.

Doch die meisten Juden sind trotzdem keine Christen geworden und in seiner Enttäuschung schrieb Luther dann wüste antijüdische Polemiken. Unserer Kritik fallen auch seine hasserfüllten Schriften anheim, mit denen er die Obrigkeit aufstachelte, die Aufständischen während des Bauernkrieges niederzumetzeln.
„Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren“, hat er geschrieben. „Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann - wie man einen tollen Hund erschlagen muss“.

Anfangs hat Luther noch Verständnis für die Forderungen der Bauern gehabt; er ermahnte alle Seiten zum Frieden und hoffte, dass sich alles zum Guten wenden würde. Doch als sich die Gewalttaten häuften, schwenkte er um. Gegen die Obrigkeit dürfe man sich nicht auflehnen; denn sie sei von Gott eingesetzt. Allerdings – ganz so einfach hat es sich Luther aber doch nicht Gemacht: In Glaubensfragen, bei allen Entscheidungen, die man aus christlichem Glauben heraus trifft, hat der Christ ein Widerspruchsrecht, notfalls sogar die Pflicht zum Widerstand. Aber Luthers Äußerungen sind hier zwiespältig.

Der Gedanke jedenfalls, dass ein Christ der Obrigkeit untertänig zu sein hat, ist uns Deutschen – in absolutem Sinne jedenfalls – spätestens seit der Nazizeit gründlich vergangen. Und auch über die DDR – Zeit hinweg bis heute konnte und kann man sich ja nicht jeder Regierungsentscheidung unterordnen.
Es gibt also Einiges, was wir heute an Luther zu kritisieren haben. Dennoch ist ja etwas geblieben von Martin Luther und das ist nicht wenig.

Das ist übrigens bei allen großen Persönlichkeiten der Fall, bei Herrschern, Politikern, Dichtern, Künstlern, Wissenschaftlern, Erfindern oder was auch immer sie waren: Sie waren keine Heiligen, haben aber dennoch Bedeutendes geschaffen und gehören zu den Großen in der Geschichte und der Kultur unseres Volkes.
Was also ist geblieben von Martin Luther?

Was ist geblieben von diesem von Glaubenszweifeln geplagten Mönch, dem wortgewaltigen Theologen, dem Kämpfer für die Erneuerung der Kirche und dem Familienvater, der sehr wohl wusste, dass es bei allen weltbewegenden Fragen ein ganz einfaches, normales Leben gibt.

Oder anders gefragt: Was von dem fast unüberschaubaren Werk, das Martin Luther hinterlassen hat - es sind wohl rund 600 Schriften - was davon kann für uns heute am 31. Oktober 2021 hier im Reformationsgottesdienst von Wichtigkeit sein?

Das, was Martin Luther zum Theologen gemacht hat, was ihm die Augen geöffnet hat, ihn auf den Weg gebracht hat, zu dem, was er werden sollte, das war die Bibel: Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die glauben.

Es war also nichts Neues, was Luther einbringen wollte, sondern es war die Wiederentdeckung der Bibel, des Evangeliums von Jesus Christus und der Gnade Gottes, des Glaubens als dem Grund der Kirche.
„Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, nämlich Jesus Christus.“ (1.Kor.3,11) – Und damit sind wir wieder beim Bibelwort für den Reformationstag.

Luther hat keinen neuen Grund gelegt, keine Grundlagen für eine neue, reformierte Kirche geschaffen, sondern er hat die Christenheit an ihre ursprünglichen, unverrückbaren Grundlagen erinnert.
Und das, denke ich, ist der Sinn des Reformationstages und unseres Gottesdienstes: dass wir uns auf die Bibel und unseren Glauben als die Grundlage der Kirche und unseres Gemeindelebens besinnen, dass wir auf Gottes Wort hören und Gott um seinen Geist bitten, dass wir ihn um den Mut, um die Kraft, um den Verstand bitten, uns in unserer Zeit als Christen zu bewähren.

Reformation heißt nicht „Modernisierung“ um jeden Preis, heißt nicht dem Zeitgeist hinterherlaufen, um auf diese Weise vielleicht einige neue Kirchenmitglieder zu gewinnen.
Kirche ist zutiefst konservativ - und damit modern zugleich.
Konservativ heißt ja nicht „engstirnig“, „rückständig“ oder „ewig gestrig“.
Konservativ heißt, Gutes und Richtiges zu bewahren.
Und unsere Kirche hat etwas Gutes zu bewahren, nämlich Gottes Wort.
Und das ist es, was wir heute in unserer Zeit verkündigen und leben sollen.
Es ist ein schmaler Grat, den wir zu begehen haben:
zwischen Traditionalismus und Zeitgeist,
zwischen belangloser Frömmelei und heillosem Aktivismus,
zwischen gesellschaftlichem Engagement und dem Wissen, dass nicht wir die Welt retten, das Klima oder sonst irgendetwas, sondern dass wir gerettet werden.
Wir sind nicht Schöpfer dieser Welt, sondern Geschöpf.
Wir sind nicht die Macher, sondern wir sind gemacht.

Etwas mehr Demut vor Gott, dem Allmächtigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde täte uns gut.
Dazu gehört, finde ich, auch eine gewisse Ehrfurcht vor den alten Texten, Gebeten und Glaubensformeln, die uns von den Generationen vor uns überliefert worden sind: oft tiefgründiger als manch jugendlich und unbeschwert daherkommendes Gitarrenlied – das wir ja gerne singen – aber das eben doch oft an der Oberfläche bleibt.

Hier im Gottesdienst am Reformationstag geht darum, dass wir uns auf unser Ureigenstes als Christen besinnen: Auf die Bibel mit ihrer frohen Botschaft: von Jesus Christus, vom barmherzigen Gott, der Schuld vergibt und versöhnt und vom Reich Gottes, von seiner neuen Welt, in die wir einst eingeladen sind. „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist.“

Auf diesem Grunde können wir leben und sterben: mutig und getrost, denn Gott hält uns; gelassen, denn Gott führt uns; voller Zuversicht, denn er wird alles vollenden: Sein ist das Reich und Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
erstellt von Stefan Determann am 01.11.2021
veröffentlicht unter: Neues aus den Kirchengemeinden

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