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Die Strippenzieher
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Die Strippenzieher

Ein Artikel von Susanne Haase. Die Kirche (45/2013)

Als Studentin gehörte Rosemarie Penz, 54 zum ersten Jahrgang, der sich für Gemeindepädagogik einschreiben konnte. Voraussetzung dafür war eine abgeschlossene Berufsausbildung. Und so hatte die gebürtige Teltowerin bevor sie Hörsäle besuchte, als BMSR-Facharbeiterin - heute hieße es wohl Elektrotechnikerin - in großen Schaltkästen gesessen und Kabel verdrahtet. „Ich habe Verbindungen geknüpft und dafür gesorgt, dass Strom fließen kann“, so Penz.

Eine richtige Strippenzieherin sei sie gewesen, stellt sie im Rückblick lachend fest und eigentlich ist sie es bis heute geblieben. Das Pfarramt Herzfelde, knapp zehn Kilometer nordöstlich von Templin in der idyllischen Landschaft des Naturparks Uckermärkische Seen gelegen, zählt eine ganze Reihe von Kirchengemeinden wie Warthe, Petznick, Mittenwalde, oder Milmersdorf zu seinem Sprengel. Und Rosemarie Penz fährt allmonatlich geschätzte 1000 Kilometer, um die vielen Termine für Gottesdienste, Seelsorge oder die Kinderkirche vor Ort wahrzunehmen.

„Der Kontakt zu den Dörfern wird ständig am Laufen gehalten“, sagt sie. Sicherlich auch ein Grund dafür, dass viele Gemeindemitglieder aktiv teilnehmen: So zählt die evangelische Kirchengemeinde unter den insgesamt rund 3600 Einwohnern immerhin 720 Mitglieder und auch die Gottesdienste sind vergleichsweise gut besucht: In Warthe, das laut Penz besonders positiv heraussticht, kommen regelmäßig bis zu 20 Besucher in die Kirche, an Weihnachten sind es sogar bis zu 100 Menschen, und eine Beteiligung von 42% bei der letzten Wahl zum Kirchenrat spricht ebenfalls für eine rege Anteilnahme am Gemeindeleben.

„Vieles ist über die Jahre gewachsen“, sagt Rosemarie Penz, die, bevor sie die Pfarrstelle in Herzfelde vor fast genau sechs Jahren übernahm, 15 Jahre in Milmersdorf tätig war. Diese gewachsene Struktur bedeutet auch, dass ihre Arbeit von sehr engagierten Mitstreitern unterstützt wird und dass die Kirchengemeinde sich Themen zugewandt hat, die Menschen weit über den üblichen Rahmen hinaus ansprechen. Eine weitere Besonderheit ist, dass unter den 240 Einwohnern in Herzfelde etliche sind, die sich hier neu niedergelassen haben, auch junge Familien. Die große Zahl von 60 Kindern ist eine Seltenheit in dieser dünn besiedelten Region.

Unter der Zugezogenen, die die Gemeinde mit neuem Leben und Ideen bereichern, ist auch Gabriele Förder-Hoff, die nicht nur Mitglied im Gemeindekirchenrat ist, sondern 2006 auch den „Förderverein für Kirchenmusik in der evangelischen Gemeinde Herzfelde“ gründete: „Geprägt durch einen Vorgänger der jetzigen Pfarrerin wurde hier schon seit den 1990er Jahren ein musikalischer Schwerpunkt gelegt. Dieses wollten wir als Verein fortsetzen.“ Innerhalb von vier Jahren konnte die stattliche Summe von rund 110 000 Euro eingeworben werden – darunter rund 30 000 Euro, die von Anwohnern, Konzertbesuchern und Kirchenliebhabern gespendet wurden. Darauf ist Gabriele Förder-Hoff zu Recht stolz. Sie glaubt, dass das offene Veranstaltungsprogramm – zu dem auch Auftritte von Chören und Orchestern aus der Gegend gehören – für Bindung sorgt und identitätsstiftend wirkt und dass dieses wiederum der Grund für die große Spendenbereitschaft war.

So konnten der Altar mit seinem dreigeschossigen Aufbau und den reich figurierten Reliefs in säulengerahmten Nischen und die vermutlich 1871 durch den Berliner Albert Lang erbaute Orgel restauriert werden. Heute bietet die Feldsteinkirche im Herzen von Herzfelde, die wegen Baufälligkeit von 1978 bis Mitte der 90er Jahre bereits aufgeben worden war, nicht nur für Gottesdienste einen besonders schönen Rahmen, sondern auch für viele Veranstaltungen, die z. B. während der Uckermärkischen Musikwochen oder dem Dorfmusiksommer stattfinden.

Eine weitere Besonderheit der Kirchengemeinde sind die sogenannten Herzfelder Predigten, die von Gabriele Förder-Hoff gemeinsam mit Dr. Antje Vollmer, Vize-Bundestagspräsidentin a. D., vor einigen Jahren ins Leben gerufen wurden. Zwei Mal im Jahr, meist an Pfingsten und im Frühherbst, sprechen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ausgehend vom Bibeltext des Tages zu aktuellen gesellschaftlichen Anliegen. Auch diese, offen gestaltete Reihe erfreut sich großer Beliebtheit und die Besucher reisen dafür aus einem Umkreis von bis zu 100 Kilometern an.

Es scheint sich also zu lohnen, dass Rosemarie Penz, Gabriele Förder-Hoff und viele andere in Herzfelde die Strippen ziehen.
erstellt von Mathias Wolf am 20.11.2013, zuletzt bearbeitet am 15.04.2020
veröffentlicht unter: News-Archiv