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Abschied mit Wehmut

Abschied mit Wehmut

Bericht aus der Märkischen Allgemeinen von Bert Wittke

Die Kirchenkapelle in Häsen wird entwidmet. Es besteht viel Sanierungsbedarf. Das Problem: es gibt zu wenig Gottesdienstbesucher. Einigkeit herrscht in der Gemeinde, dass die Geschichte der Kapelle nicht einfach im Sande verlaufen darf. Deshalb wird die Entwidmung am 8. September mit einem Gottesdienst begangen, der in der Kapelle beginnt und mit einer Prozession zum alten Kornspeicher, wo die Häsenerin Anne Pieper ein Café betreibt, endet.

Häsen. „Dass aus einem Ort der Schuld ein Ort der Vergebung wurde, wo man das Evangelium predigt, ist für mich einmalig. Ich kenne kein ähnliches Beispiel aus der Geschichte.“ Noch während er die letzten Worte spricht, wird die Miene von Tobias Ziemann nachdenklich. Der Pfarrer schließt die Tür des flachen Holzbaus auf, setzt sich auf einen der bunt zusammengewürfelten Stühle und erzählt: „1945 kamen Siedler in den Ort, die Unterkünfte brauchten.“ Deshalb sei damals neben ein, zwei anderen Exemplaren, die nicht mehr existieren, auch diese Baracke aufgestellt worden. Sie stamme aus Grüneberg, wo sich ein Außenlager des KZ Ravensbrück befand. Ob in der Baracke Häftlinge oder Aufseher untergebracht waren? „Jemand hat mal erzählt, dass die Baracke ziemlich verlaust war, als sie hier aufgestellt wurde“, erinnert sich Helmut Gerhardt, der heutige Grundstückseigentümer. Vermutlich also doch eine Häftlingsbehausung. Als später auf dem Grundstück ein Haus gebaut wurde, habe sich die dort ansässige Familie Hein entschlossen, in der Baracke eine Kapelle einzurichten. „Häsen hatte keine Kirche“, sagt Pfarrer Tobias Ziemann. Die Leute seien zum Gottesdienst nach Liebenberg gefahren. Das änderte sich mit dem Barackenbau. Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen – all dies war nun der kleinen Kapelle in Häsen vorbehalten. Der erste Glockenstuhl hinterm Haus war aus Holz, die Glocke stammt aus Gutengermendorf. Irgendwann wurde das Holz durch Eisen ersetzt. Beheizt wurde der Raum mit Hilfe eines Bullerofens. Die Luke für den Abzug ist noch heute an der Decke zu erkennen. Es folgte eine Gas-, später eine Elektroheizung.

Doch nun sind die Tage der Kirchenbaracke gezählt. Die Gemeinde bereitet die Entwidmung der Kapelle vor. „Wir haben lange diskutiert, ob die Predigtstätte, erhalten werden soll“, erzählt der Pfarrer. „Das erste Mal vor einem Jahr.“ Sanierungsarbeiten stünden an, doch angesichts der finanziellen Situation müsse auch die Kirche genau hinterfragen, wo sich Investitionen lohnen.

Im März beantragte der Gemeindekirchenrat die Entwidmung. „Eine traurige aber einmütige Entscheidung“, sagt Tobias Ziemann. Er selbst sei sehr betroffen, sehe aber keine Alternative. Und dann spricht der Kirchenmann von einem „abnehmenden kirchlichen Leben“, von „Spannungen zwischen der Erinnerung und der Gegenwart“. Während die Kapelle damals gefüllt war, würden heute zum Gottesdienst manchmal nur zwei, drei Einwohner erscheinen. „Es gibt Leute“, sagt Tobias Ziemann, „die meinen, Gott lasse sich in einer schlichten Kapelle leichter finden, als in einer prunkvollen Kirche. Aber das nutzt auch nichts mehr, wenn ihn keiner sucht.“

Einigkeit herrscht in der Gemeinde, dass die Geschichte der Kapelle nicht einfach im Sande verlaufen darf. Deshalb wird die Entwidmung am 8. September mit einem Gottesdienst begangen, der in der Kapelle beginnt und mit einer Prozession zum alten Kornspeicher, wo die Häsenerin Anne Pieper ein Café betreibt, endet. Dort, so sei es vereinbart, könnten sich die Häsener treffen, wann immer sie den Wunsch nach gottesdienstlicher Gemeinschaft haben. Eine Nachnutzung für die Baracke ist offen. Was den Glockenstuhl betrifft, erbittet der Gemeindekirchenrat die Genehmigung der weltlichen Gemeinde, ihn auf dem Friedhof aufstellen zu dürfen.

Von Bert Wittke
erstellt von Mathias Wolf am 22.08.2013, zuletzt bearbeitet am 11.03.2019
veröffentlicht unter: Neues aus dem Pfarrsprengel