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8. Ecco homo – Seht ,welch ein Mensch (Joh.18 33-40 ;19,4-6)
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8. Ecco homo – Seht ,welch ein Mensch (Joh.18 33-40 ;19,4-6)

Gedanken von Pfarrer Ralf-Günther Schein

Die Dornenkrönung impliziert indirekt die königliche Würde, die Jesus zukommt. In diesem
Abschnitt der Passionsberichte geht es um die göttliche Würde Jesu als Mensch. Leid, Spott und Wunden können die Gültigkeit des Menschseins und seiner Würde durch Gott nicht verstellen. Selbst wenn dies äußerlich in diesem Bild als Parodie erscheint.
Jesus bekennt im Verhör durch Pilatus:“ Ich bin ein König, doch nicht von dieser Welt, und ich bin in die Welt gekommen die Wahrheit zu bezeugen.“ Er sagt damit, dass eine Welt der Lüge und des Hasses keine wirkliche Macht über ihn hat. Pilatus fragt sich zwar: Was ist Wahrheit? Doch er lässt anschließend Jesus geißeln, um die Ankläger zu beruhigen. Danach führt er Jesus hinaus. Auf einer Art Bühne lässt Cranach dieses Ereignis geschehen. Pilatus bekennt dort: „Seht, welch ein Mensch!“ Doch dieses Bekenntnis bringt die Feinde Jesu erst recht in Wut und sie verlangen die Kreuzigung.
Cranach lässt Jesus zusammengesunken und erbärmlich auf diese Bühne treten. Er trägt einen Umhang, doch der scheint zerrissen. Pilatus deckt damit den nackten Leib Jesu, seine Scham zu. Er will ihn nicht bloßgestellt wissen. Seine Würde als Mensch nimmt er, der Heide, ernst gerade auch in der tiefsten Erniedrigung. Als Vertreter kaiserlicher Macht trägt Pilatus einen Stab, ähnlich jenem Stab, den man Jesus bei der Dornenkrönung zum Spott in die Hand drückte. Das Volk und die Soldaten unter der Bühne rufen laut: “Kreuziget ihn“! In dieser Gruppe befindet sich in der Mitte ein Mann, dessen Gesicht einer Totenmaske ähnelt. Es ist dasselbe Gesicht, das auf dem Bild der Gefangennahme der Knecht Malchus trägt. Er scheint hier das Kommando für die Kreuzigungsrufe anzugeben. Einige erheben dazu beschwörend ihre Hände.
Diese schwörenden Hände sind im Bibeltext nicht erwähnt, aber es könnte folgende Bezüge geben: Vielleicht stehen sie im Zusammenhang mit dem Parallelbericht im Matthäusevangelium. Dort ruft das Volk fast beschwörend jenen fatalen Satz: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“.
Die Kinder, die im Vordergrund des Bildes ein Vater nur mühsam an dieser Stelle halten kann, scheinen darauf hinzudeuten (Selbst wenn dieser fatale Satz erst nach der Handwaschung von Pilatus erwähnt wird, scheint doch hier der Zusammenhang gegeben, denn in den gesamten Passionsdarstellungen wechselt man in der Reihenfolge der Ereignisse oft sprunghaft. So wird z.B. von der Geißelung Jesu im Bibeltext erst nach der Verurteilung von Pilatus berichtet, erscheint in der Darstellung aber viel früher.).
Da die Psalmen in der Deutung der Passionsberichte eine wesentliche Rolle spielen, könnte es in dieser Darstellung (als eine Art Gegenstück) Bezüge zu Psalm 24 geben. Da heißt es ab Vers 3:
„Wer darf auf des Herrn Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört: der wird den Segen vom Herrn empfangen...“

Auffallend ist nun auf Cranachs Darstellung im rechten Vordergrund der Vater mit den unruhigen Kindern und die große Rückenfigur mit einem Messer und einem Geldbeutel. Ist diese Figur Judas, der Jesus für 30 Silberlinge „ans Messer lieferte“?
Ganz im Hintergrund auf einer Brüstung hat Cranach vielleicht Freunde Jesu und Maria abgebildet.
In sicherem Abstand und verängstigt wagen sie es nicht, sich einzumischen gegen die Rufe der Meute, die Jesus aufs Kreuz legen will.
erstellt von Mathias Wolf am 12.02.2015, zuletzt bearbeitet am 13.02.2015
veröffentlicht unter: Passionsandachten zu Holzschnitten von Lucas Cranach