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Sieben Woche ohne
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Sieben Woche ohne

Andacht von Christoph Poldrack, Pfarrer in Leegebruch und Velten-Marwitz, Vakanzvertreter im Sprengel Grüneberg-Löwenberg

Feiern Sie in diesem Jahr Karneval, liebe Leserinnen und Leser? Bis zum Dienstag können Sie es noch richtig krachen lassen. Am Mittwoch, am Aschermittwoch, ist die fünfte Jahreszeit vorbei. Dann beginnt die siebenwöchige Fastenzeit bis Ostern.
Fasten ist wieder modern, hat Konjunktur. Die meisten Menschen denken dabei an Entschlackung, an ihre Figur und den Wunsch, einige Pfunde loszuwerden. Das ist sicher ein positiver Nebeneffekt, den ich gar nicht schlechtreden möchte. Der ursprüngliche Sinn des Fastens ist weiterreichend: Ich verzichte bewusst für einige Zeit auf bestimmte Genüsse oder Gewohnheiten, damit ich wieder merke, wieviel ich habe, was ich zum Leben nicht unbedingt brauche. Waren es früher vor allem kulinarische Genüsse, die in der Fastenzeit weggelassen wurden, so sind es heute eher Gewohnheiten oder scheinbare Selbstverständlichkeiten, auf die Menschen verzichten. Sieben Wochen ohne ständiges Fernsehen, ohne dauernde Erreichbarkeit per facebook, sieben Wochen ohne Likes oder ohne die tägliche Soap; sieben Wochen ohne unnötige, selbst eingeredete Termine.
Wer sein Leben in dieser Weise zeitweilig umstellt, muss sich richtig darauf konzentrieren. Ständig kreisen dann die Gedanken um das, worauf man gerade verzichtet. Es ist wie eine Sucht, die das Denken immer wieder auf das lenkt, was man gerade nicht hat. Da kann ich schnell mit saurer Miene durchs Leben gehen. Da können andere mir ansehen, welche Anstrengung es mich kostet, ohne dieses oder jenes durchzuhalten. Wenn ich mein Fasten, meinen Verzicht so vor mir her trage, damit alle Menschen sehen sollen, wie toll ich bin, ist etwas falsch. Schon Jesus hat seinen Zeitgenossen gesagt: „Wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“
Das meint doch: Gib nicht an, weil du für einige Wochen bewusster zu leben versuchst, mach daraus kein Spektakel, bei dem du dich Mitleid erheischend verhältst, sondern tu das, was du dir vorgenommen hast, fröhlich und zuversichtlich. Es ist zunächst mal nur dein persönliches Vorhaben. Wenn sich die Änderung deines Lebens auf andere auswirkt, musst du das erklären, aber du musst nicht darauf setzen, dass alle dich in deiner Strenge gegen dich selbst bewundern.
Ob Sie in den kommenden Wochen fasten wollen, ob Sie gezielt auf etwas verzichten, was nicht lebensnotwendig ist, das müssen Sie natürlich selbst entscheiden. Die Erfahrung zeigt, dass es durchaus bereichernd sein kann, wenn man nicht alle Gewohnheiten beibehält, die das Leben vielleicht gar nicht so verschönern, wie wir uns einbilden. Wenn die Fastenzeit Sie anregt, sich Gedanken zu machen, was nicht selbstverständlich ist, was nicht lebensnotwendig ist, was Sie vielleicht sogar unnötig belastet – kurz: wenn die Fastenzeit hilft, etwas bewusster zu leben, hat sie ihren Zweck erfüllt. Egal, ob Sie auf etwas verzichten, etwas weglassen oder nicht, ich wünsche Ihnen eine bewusst gestaltete Zeit bis Ostern. Hoffentlich erleben Sie gerade diese Zeit als Sieben Wochen mit Sinn!

Christoph Poldrack
Pfarrer in Leegebruch und Velten-Marwitz,
Vakanzvertreter im Sprengel Grüneberg-Löwenberg
erstellt von Mathias Wolf am 08.02.2016, zuletzt bearbeitet am 31.10.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv