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Der Gnadenstuhl
Foto: Ziemann
Bildrechte: Ziemann

Der Gnadenstuhl

Andacht von Tobias Ziemann, ordinierter Gemeindepädagoge im Pfarrsprengel Gutengermendorf

Ich sehe einen alten Mann mit einem wallenden Bart und mit einer glänzenden Krone auf dem Kopf. Er sieht aus wie ein König, ein ziemlich alter König auf seinem Thron. Auf dem Schoß des Alten sitzt oder liegt ein jüngerer Mann. Er ist nur mit einem Tuch um die Hüften bekleidet. Das Tuch hat dieselbe goldene Farbe wie das Gewand des Königs. Der jüngere Mann hat Verletzungen an seinem muskulösen Körper. Sein Kopf ist nach hinten weggekippt und man weiß: Dieser Mann ist tot.
Um den Alten und den Toten herum sind die Köpfe vieler Engel aufgeklebt. Sie passen zwar nicht zu den beiden Männern, aber durch ihre Symmetrie stören sie den Blick nur wenig. Aus dem oberen Bildrand hängt schließlich an einem Draht beweglich eine Taube herunter. Sie hat ihre Flügel ausgebreitet, ist ganz schön geformt, silbrig-weiß und irgendwie anmutig.
Das beschriebene Kunstwerk nennt sich Gnadenstuhl und ist in der Kirche von Gutengermendorf zu bewundern. Die Gemeinde hat es im vergangenen Jahr für viel Geld restaurieren lassen. Das war nötig, denn über vierhundert Jahre sind sie alt: Der alte König, der tote Jüngling und die lebendige Taube.
Der Gnadenstuhl ist eine ziemlich seltene Darstellung von Gott, genauer gesagt von der Dreieinigkeit Gottes. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind darauf in einem kurzen, aber entscheidenden Moment der Heilsgeschichte dargestellt. Genau zwischen dem Tod Jesu am Karfreitag und seiner Auferstehung am Ostersonntag. Jesus ist tot, er liegt auf dem Schoß seines alten Vaters. Und man sieht sehr eindrücklich, wie der Vater selbst unter dem Tod seines Sohnes leidet.
Der Blick des Königs ist traurig, als habe er damit nicht gerechnet. Als habe er gehofft, Jesus würde es schaffen, die Menschen endlich von seiner Vaterliebe zu überzeugen. Es hatte sogar ganz gut angefangen, viele hatten geglaubt, einige gejubelt. Aber nun das. Der Sohn ist tot. Und ganz leibhaftig spürt der Vater diesen Leib auf seinem Schoß. Daran kommt er nicht vorbei, mit diesem Leid muss er nun umgehen.
Kaum ein christliches Kunstwerk schafft es, mich so zu berühren, wie dieser Gnadenstuhl. Der Künstler hat es geschafft, ein großes theologisches Thema ganz einfach ins Bild zu setzen. Als er sich um das Jahr 1600 daran machte, konnten die wenigsten Menschen in der Bibel lesen. Und mit den Predigten war es wohl wie heute, sie waren mal mehr und mal weniger zu verstehen. Für dieses Kunstwerk aber musste man nicht lesen können. Man musste sich nur berühren lassen von dem, was man darauf sehen konnte: Einen traurigen, alten Mann, der verzweifelt ist über den Tod seines Sohnes. Oder mit anderen Worten: Gott, der das menschliche Gefühl kennt, ganz am Ende zu sein.
In genau diesem Gefühl kommt Gott mir wahnsinnig nah. Und das macht den Trost aus, der sich bis heute im Gnadenstuhl finden lässt.

Es grüßt Sie Tobias Ziemann
erstellt von Mathias Wolf am 12.03.2016, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv