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Palmsonntag
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Palmsonntag

Andacht von Pfarrer Martin Zobel, Boizenburg

Der kommende Sonntag wird in der kirchlichen Tradition Palmsonntag genannt. Für viele ältere Menschen ist dieser Sonntag mit einer besonderen Erinnerung, ihrer Konfirmation verbunden. Bei uns in Boitzenburg war das bis 1958 Tradition gewesen. Damals zog in vielen Ortschaften noch fast die gesamte Klassenstufe feierlich gekleidet in die Kirche ein.
Manche mögen dabei an den Einzug Jesu in Jerusalem gedacht haben, eine Geschichte, die zum Palmsonntag gelesen wird. Eine große Menge hatte sich aufgemacht, um Jesus mit Palmzweigen zu begrüßen. Palmzweige als ein Symbol für Freude und Sieg: „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn“ riefen sie ihm entgegen. Die Konfirmanden wurden damals zwar nicht mit Palmzweigen begrüßt, aber die versammelte Gemeinde erhob sich von ihren Bänken und feierte ihren Nachwuchs. Ob die Konfirmation aus diesem Grund auf den Palmsonntag gelegt worden ist?
Das ist eher nicht der Fall. Es waren ganz profane Gründe. Anfang April begann die Lehrzeit. Der Boitzenburger Vikar Heinrich Wolfgang Seidel berichtet in seinen Briefen (2015 unter dem Titel „Drei Stunden hinter Berlin“ von Klaus Goebel erneut herausgegeben) an die Eltern über das Schulexamen am 17. März 1902 in Boitzenburg, wie die Kinder voller Spannung erfolgreich geprüft worden sind. Am nächstfolgenden Sonntag, das war der 23. März, wurden sie dann feierlich konfirmiert. Nun starteten sie in der Tat in das Erwachsenenleben. Lang ersehnt, vielleicht auch schüchtern und ängstlich - was wird die Zukunft wohl bringen?
Einige werden sicher dankbar zurückgeschaut haben, andere verzweifelten an ihrem Leben. Besonders die 12 Jahre später zum Kriegsdienst einberufen worden sind und irgendwo auf einem Schlachtfeld ein jähes Ende fanden. Hochgejubelt und gefeiert fanden sie sich plötzlich wie ausgestoßen und der letzte Dreck behandelt im Schützengraben wieder. Hochgejubelt
wurde Jesus von der Menge, einige Tage später forderten die gleichen „Kreuzige ihn“.
Der Psalm für Palmsonntag nimmt die Tragik der folgenden Tage mit auf: Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm ...“. Bevor wir Ostern feiern, sollten wir die Bilder von den vielen Menschen sehen, die bis heute geschunden und vergessen, getötet und geschlagen und wie der letzte Dreck behandelt werden. Nur wenn wir diese Bilder aushalten und uns also der Kreuzigung stellen, wird auch ein Ostern möglich sein.


Martin Zobel
erstellt von Mathias Wolf am 19.03.2016, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv