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Gott – unfassbar, doch vertrauenswürdig
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Gott – unfassbar, doch vertrauenswürdig

Andacht von Pfarrer Dr. Christoph Poldrack, Leegebruch

Die Mathematiker können erstaunliche Dinge: Mit ihren Formeln beschreiben oder modellieren sie Dinge, die sich niemand vorstellen kann, z. B. n-dimensionale Räume. Aber keiner von uns kann sich einen Raum mit mehr als drei Dimensionen ausmalen.
Da können die Theologen allemal mithalten, so könnte man meinen. Die erklären, eins ist gleich und drei sind einer. Können Sie sich das vorstellen, liebe Leserinnen und Leser? Oder halten Sie das für etwas typisch Theologisches, was ja eh keiner versteht, weil es in sich nicht logisch ist?
An diesem Sonntag wird das Trinitätsfest gefeiert, mit dem daran erinnert wird, dass Gott einer ist, aber zugleich uns Menschen als Gottvater, als sein Sohn Jesus Christus und als Heiliger Geist begegnet. Jede der drei Personen oder Seinsweisen ist für sich allein wirksam, für bestimmte Aspekte des göttlichen Handelns „zuständig“. Und doch sollen alle drei in Wirklichkeit einer, ein Gott sein. Ist das tatsächlich vorstellbar? Reicht unser Intellekt hin, um einen solchen Gott begreifen zu können?
Eine alte Geschichte aus dem 5. Jahrhundert erzählt: Als Bischof Augustinus eines Tages am Mittelmeerstrand seiner nordafrikanischen Stadt Tagaste entlangschlendert und mal wieder über die Trinität grübelt, sieht er ein Kind, das mit einer kleinen Muschel Meerwasser in ein Loch schüttet. „Was machst du da?“, fragt er. – „Das sieht du doch“, entgegnet das Kind. „Ich schöpfe das Meer in dieses Loch.“ – „Du Narr“, spottet der Bischof, „das ist vollkommen unmöglich!“. Darauf das Kind. „Aber du bildest dir ein, dass du das Geheimnis der Dreieinigkeit mit deinem Kopf erfassen kannst?“ – Diese wahre oder gut erfundene Geschichte des großen Kirchenvaters zeigt: Der eine Gott, der neben sich keine Götter duldet und dennoch als Vater, Sohn und Heiliger Geist in drei wesensgleichen Personen erscheint, war schon immer eine Zumutung für unser Denken, für unsere Vorstellung von Gott und für die theologische Reflexion.
Dabei ist es doch ganz einfach: Gott übersteigt die Möglichkeiten unserer Begriffsbildung. Unsere Worte und unsere Denkmodelle sind wie Muscheln: Sie haben ein begrenztes Fassungsvermögen. Könnten wir mit einer vielleicht sehr komplizierten Formel definieren, wer und wie Gott ist, dann wären wir ihm ebenbürtig. Die abstrakte Trinitätslehre vermittelt nur eine Ahnung davon, wie Gott ist.
Wenn wir bei unserer vorsprachlichen Wahrnehmung bleiben, dann können wir Gott als mächtigen Schöpfer unserer Welt spüren, als liebenden Jesus, der mit uns geht, und als kreativen, motivierenden und anfeuernden Geist in uns oder in unserer Gemeinschaft. Aber wie wir die Dreiheit von Vater, Sohn und Geist und ihre gleichzeitige Einheit denken können, bleibt ein unbewältigtes Rätsel, ein nie lösbares Geheimnis.
Der erste Sonntag nach Pfingsten (Trinitatis oder Dreifaltigkeitsfest), der die zweite Hälfte des Kirchenjahres einläutet, erinnert seit 1334 an dieses offene Geheimnis des Glaubens. Christen können sich und ihr Leben diesem geheimnisvollen Gott anvertrauen, auch wenn sie wissen, dass manches unfassbar bleibt. Keine Formel kann ihn definieren, und sei sie auch noch so universal angelegt wie die Weltformel, nach der die Physiker suchen. Christen vertrauen darauf, dass es keinen Bereich der Welt ohne Gott gibt. Auf ihn können sie sich verlassen, auch wenn Trinität unser Denken übersteigt. Vertrauen kann man auch dann, wenn man nicht alles bis ins Letzte intellektuell definieren kann.
Ich wünsche Ihnen allen solches Vertrauen auf Gott.
Christoph Poldrack
Pfarrer in Leegebruch und Velten-Marwitz
erstellt von Mathias Wolf am 23.05.2016, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv