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Danken und Denken
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Danken und Denken

Andacht von Pfarrer Christoph Poldrack, Leegebruch

Manche haben längst gefeiert. Die Bilder von den Erntefesten in verschiedenen Orten unseres Landkreises waren in den Montagsausgaben der letzten Wochen zu bewundern. Dass das Erntedankfest am ersten Sonntag im Oktober gefeiert wird, ist vielen nicht geläufig oder nicht so wichtig – Hauptsache, man feiert!
Mir fällt auf, dass es immer häufiger heißt: wir feiern Erntefest. Wir feiern den Abschluss der Ernte, selbst wenn in den meisten Dörfern die wenigsten Bewohner noch in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Es ist ein Fest, das folkloristischen Charakter trägt, viele traditionelle Erntewagen und landwirtschaftliche Geräte aus früheren Jahrzehnten wecken nostalgische Gefühle. Man erinnert sich, wie anstrengend bäuerliches Leben einst war.
Aber wie selten wird ein Erntedankfest gefeiert. Der Anlass, einen kirchlichen Feiertag zu begehen, war, Gott zu danken, dass genügend geerntet und das Leben bis zur nächsten Vegetationsperiode gesichert ist. Dahinter stand das Wissen, wie wenig selbstverständlich es ist, genug zu essen zu haben, eine ausreichende Ernte eingebracht zu haben. Wir müssen nur in viele Länder mit Dürrekatastrophen oder Überschwemmungen schauen, um zu erkennen: Auch heute ist es nicht selbstverständlich, dass unsere Arbeit Früchte trägt und wir genug zum Leben haben. Den Dank dafür, dass sich unsere Arbeit gelohnt hat, dass alles in ausreichendem, oft sogar überreichlichem Maße vorhanden ist, wollen wir beim Erntedankfest laut werden lassen. Und das heißt, Gott danken, denn er ist es, der uns das Nicht-Selbstverständliche wachsen und reifen lässt.
Und Danken soll dann zum Denken führen. Was ist alles nicht selbstverständlich an unseren Lebensgrundlagen? Alle Plasteartikel und alle High-tech-Geräte, das Benzin im Tank und die Vollwaschmittel, die 20 Sorten Joghurt im Supermarkt und die permanente Nutzungsmöglichkeit des Handys. Alles betrachten wir als so normal, dass wir kaum noch darüber nachdenken, wieviel Ressourcen wir verbrauchen, ob wir über unsere Verhältnisse leben, ob unsere Erde unser Konsumverhalten ertragen kann. Das Erntedankfest will uns auch sensibel machen, darüber nachzudenken, ob wir wirklich alles brauchen, was uns zur Verfügung steht, ob unser Verbrauch an Rohstoffen und Energie nachhaltig und für alle Menschen vorstellbar ist.
Damit will ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, jetzt nicht ein schlechtes Gewissen machen und den Eindruck erwecken, ich würde Ihnen Ihren Lebensstandard nicht gönnen. Ich möchte Ihnen eher Mut zu einer gedanklichen Inventur machen. Vor allem alte Menschen, die die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt haben, haben sich ein Gespür dafür bewahrt, dass nicht alles selbstverständlich ist, was wir haben. Wenn wir uns das wieder bewusst machen und mit unserem Wohlstand verantwortlich umgehen, dann hat der Erntedank seine beste Wirkung gehabt: das Nachdenken darüber, wie wir verantwortliche Haushalter auf dieser Erde sein können, die Gott uns als Lebensraum schenkt. Und dann werden wir wohl noch dankbarer leben.
Christoph Poldrack
Pfarrer in Leegebruch und Velten-Marwitz
erstellt von Mathias Wolf am 01.10.2016, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv