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Suchet der Stadt Bestes

Andacht von Eckhart Friedrich Altemüller, Pfr in Fürstenberg/H.

Immer wieder erzählen mir Menschen Teile ihrer Lebensgeschichten.
An eine denke ich heute besonders. Frau L. aus Vorpommern hat sie mir vor vielleicht 20 Jahren erzählt.
Als die Kampftruppen kamen, sind sie aus dem Dorf am Haff geflohen, gingen aber nach ein paar Tagen zurück, wohnten zunächst wieder in ihren Häusern. Dort mussten sie dann unter der Regie der sowjetischen Militärverwaltung auf Hof und Feld arbeiten. Wo die künftigen Grenzen eines geteilten Deutschlands verlaufen würden, wusste damals noch nicht jeder. Nach dem Einzug der polnischen Verwaltungsbehörden 1946 änderte sich aber nach und nach der Alltag. Und so entschlossen sich dann die übriggebliebenen Familienmitglieder von Frau L, die eine Jugendliche war in jenem Frühherbst 1946, weiter westlich, zunächst bei Verwandten, unterzuschlupfen. Als Fluchtfahrzeug diente ein kleines Boot und obwohl das Schiff vom Ufer aus noch von Posten beschossen wurde und sich alle auf die Planken kauerten mussten, brachte es alle sicher über das Haff. Die Familie von Frau L. gehört zu den ca. 12 Millionen Menschen, die damals in der sowjetischen, der britischen und der amerikanischen Besatzungszone Zuflucht gesucht haben.

Die Bibel erzählt viele ähnliche Geschichten. Menschen, die aufbrechen müssen und eigentlich die Hoffnung haben zurückkehren zu können. Aber irgendwann wird den Ausgezogenen klar, dass es kein Zurück gibt. Sie müssen fort und weiterziehen. Der Prophet Jeremia schreibt an solche ausgezogenen Emigranten einen Brief, der sich in der Bibel erhalten hat und zwar wie folgt: Baut Häuser und richtet euch darin ein! Legt euch Gärten an, denn ihr werdet noch lange genug dort bleiben, um zu essen, was darin wächst. Heiratet und gründet Familien! Seid um das Wohl der Städte besorgt, in die ich euch verbannt habe und betet für sie! Denn wenn es ihnen gut geht, dann geht es auch euch gut. (vgl. Buch Jeremia, Kapitel 29 Verse 5-7).
Jeremia ermutigte seine ehemaligen Nachbarn, nicht auf Rückkehr zu hoffen, sondern sich am neuen Ort für das Wohlergehen ihrer neuen Heimat einzusetzen. Neubürger unter Altbürgern zu werden. Sich nicht abseits halten, wenn es um das Gemeinwohl geht, sondern aktiv am kommunalen Leben teilzunehmen. Weil Jeremia ein Prophet war, schickte er keinen persönlichen Brief, sondern ein Wort „von Gott“. Das entsprach dem Schreibstil von Propheten der damaligen Epoche. So erscheint Gott hier als der „Schuldige“, also die Ursache der Vertreibung. Wir können das heute so verstehen: Anstatt sich mit langen Schuldzuweisungen und Diskussionen über die politischen Missstände aufzuhalten –die in der Tat Missstände sind- , kam es Jeremia vor allem darauf an, zu konstruktiven Schritten des Zusammenlebens vor Ort zu ermutigen. Am Wohnort müssen die zusammenkommenden Menschen gemeinsam der Stadt Bestes, das Wohl der Kommune, suchen.
Und noch etwas hat Jeremia angesprochen. Es betrifft uns alle: Menschen können - im übertragenen Sinne - nicht in ihrer Heimat bleiben - Weil sie erwachsen werden müssen. Zum Erwachsenwerden gehört: Immer wieder neu aufbrechen zu lernen und neuen Begegnungen nicht auszuweichen. Ich muss lernen Kritik anzunehmen und dialogfähig zu werden. Ich kann mich zwar als Erwachsener an die Kindheit erinnern, aber ich rede nicht mehr wie ein Kind. Darum gelten andere Regeln. Erwachsene müssen lernen abschiedlich zu leben. Sie müssen lernen, dass man nie auslernt. Sie müssen lernen immer wieder neu Heimat zu bauen für sich selbst und dabei das Wohl der Stadt im Auge zu behalten. Lassen Sie sich nicht entmutigen:
Wir tragen alle eine Heimat in uns. Darum können wir auch immer wieder neue äußere Heimat(en) wohnlich gestalten, mit anderen und für andere.
Eckhart Friedrich Altemüller, Pfr in Fürstenberg/H.


erstellt von Mathias Wolf am 17.10.2016, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv