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Zelten im Herbst?
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Zelten im Herbst?

Andacht von Benjamin Boufee, Kirchenmusiker in Zehdenick

„Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Immer wieder gern lese ich Rilkes Gedicht über den Herbst. Ich erinnere mich an den vergangenen Sommer, an den Urlaub am Meer und an manch eine laue Sommernacht auf der Terrasse. Doch vor uns liegen nun dunkle Wochen und Monate. Für manch einen sind es einsame und nur schwer erträgliche Zeiten. Da können wir froh sein, wenn wir ein warmes Zuhause haben und wir uns in eine Decke einmummeln und gemütlich ein Glas Rotwein trinken können.

So schön ein lauschiger Krimi-Abend vor dem Fernseher auch ist, mir scheint, dass wir mit unserem Glauben auch so manches Mal in Herbststimmung geraten und wir uns in die altbekannten vier Wände unseres zurückziehen.

Ich denke an Abraham. Gott sagt ihm, er soll in das gelobte Land ziehen, in dem „Milch und Honig“ fließen. Nachkommen soll er haben „so zahlreich wie die Sterne am Himmel“. Nur Abraham hatte noch nicht einmal ein Kind, denn seine Frau Sarah war unfruchtbar und bereits um die neunzig Jahre alt. Bei Abraham sprach doch wirklich alles dagegen, dass Gottes Verheißung wahr wird. Und das gelobte Land? Was sprach dafür, dass es wirklich auf ihn wartet und dass es dort besser sein würde als zu Hause? Im Hebräerbrief heißt es: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat.“
Ich glaube, das ist die Erfahrung, die wir mit unserem Glauben machen müssen: Wir leben wie Abraham in Zelten. Als Christenmenschen schützen und bergen uns nicht die festen Mauern, die sicheren Häuser ewiger Wahrheiten. Alles ist vielmehr nur vorläufig. Die Zeltwände bewegen sich im Wind. Manchmal zerfetzt ein Sturm auch die Leinwand. Und die Menschen, die in Zelten wohnen, sind auch selbst anders als die aus den steinernen Häusern: Sie sind nie am Ziel und sie wissen das. Sie sind immer bereit zum Aufbruch und darum beweglich, immer auf der Suche. Die feste Stadt Gottes, das Bleiben im sicheren Steinhaus, ist ihnen vielmehr erst für die ewige Zukunft verheißen.

Es besteht die Gefahr, dass die festen Häuser unseres Glaubens recht komfortabel eingerichtet sind. Wir könnten meinen, wir wären schon am Ziel und lebten in der Stadt, die "feste Fundamente" hat.

Lasst uns in Bewegung bleiben – geistlich und körperlich – gerade jetzt, wenn die Tage dunkler und kürzer werden. Abraham ist unser Vorbild. Er ertrug es, mit seinem Gott unterwegs zu bleiben, er konnte warten: auf die Einlösung der Verheißungen, auf das Wohnen in festen Häusern in Gottes ewiger Stadt, auf die Sicherheit und den Schutz steinerner Wände in der Ewigkeit Gottes.

Ihr Benjamin Boufee


erstellt von Mathias Wolf am 23.10.2016, zuletzt bearbeitet am 31.10.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv