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Geben und Nehmen
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Geben und Nehmen

Andacht von Pfarrer Peter Krause, Sachsenhausen

Draußen ist es dunkel. Ein schrilles drängelndes langes Klingeln ertönt. Vor der Tür stehen Eltern mit ihren Kindern im Kindergartenalter. Süß sehen die Kleinen in ihren „schrecklichen“ Kostümen aus. Angst machen die einem ganz bestimmt nicht. Die Eltern halten sich bewusst im Hintergrund und schieben die Kinder ein wenig in Richtung Tür. „Süßes oder Saures!“ kommt es piepsig aus der Kinderstimme. Was ja bekanntlich so viel heißt wie: „Süßes, sonst gibt’s Saures.“ Jedes Jahr wieder neu fällt es mir schwer, dieses Spektakel am Halloweenabend mitzumachen. Und das nicht nur, weil ich am 31. Oktober das Reformationsgedenken feiere. Bei mir gab es deshalb in diesem Jahr auch Lutherbonbons und Luftballons mit Lutherbild und dazu einen erklärenden Hinweis auf diesen Gedenktag. Aber entscheidend ist etwas anderes, was mich nachdenklich macht. Ich frage mich, welche Werte wir unseren Kindern vermitteln wollen und weshalb es auch den Eltern so überaus wichtig ist, ihren Kindern schon im Kleinkindalter dieses Fest so nahezulegen? Ist es ein Zeichen dafür, dass viele mit den traditionellen Festen und ihren Inhalten nur wenig anfangen können und deshalb gern solche neuen Reimporte aus Übersee aufnehmen? In wenigen Tagen – am 11. November feiern wir in vielen Orten wieder das Martinsfest. Und wahrscheinlich auch weil beide Tage so eng beieinander liegen, bringt es mich jedes Jahr neu ins Nachdenken. Am Martinstag denken wir an Martin von Tours, über den viele vorbildliche Taten überliefert sind. Am Bekanntesten ist wohl die Begebenheit in Amiens, einer Stadt in Frankreich. Martin hatte dort seinen Soldatenmantel mit einem Bettler geteilt. So ist es überliefert. Er hatte Mitleid mit ihm und wollte helfen. Kalt war es draußen. Der Martinstag erinnert uns jedes Jahr wieder daran, wie wichtig es ist zu teilen und nicht die Augen vor der Not anderer zu verschließen. Auch abgeben will gelernt sein! Bei Halloween geht es zuerst um das Einfordern. „Süßes oder Saures!“ Das heißt doch: Wenn du mir nichts gibst, dann kriegst du was auf die Mütze! Vielleicht greift das Fest ja so schnell bei uns Fuß, weil es nur zu gut zu unserer Gesellschaft insgesamt passt? Ich muss lernen, meine Ellenbogen auszufahren, damit ich nicht untergebuttert werde! Mir kommen die vielfältigen Veröffentlichungen in den Sinn, in denen festgestellt wird: Die Kluft zwischen arm und reich in unserem Land geht immer weiter auseinander. Die Starken setzen sich mit ihren Interessen mehr und mehr durch. In diesem Jahr machten die sogenannten „Horrorclowns“ Schlagzeilen. Was bei kleinen Kindern viele süß finden - wenn plötzlich Erwachsene so fordernd und angstmachend vor einem stehen, dann finden die meisten das gar nicht mehr komisch. Mir ist ein Festtag wichtiger, der uns an unsere Mitmenschlichkeit erinnert, der uns sensibel dafür macht, einander zu helfen. Mir ist der Martinstag wichtiger als ein spaßiges Gruselfest, das Kindern nahe legt, sich unter Androhung von Strafen Bonbons zu ergattern. Würden wir uns im Umgang untereinander mehr an einem Martin von Tours orientieren, wir hätten nicht nur einen spaßigen Gruselabend, sondern ein gutes Miteinander das ganze Jahr über.

Ihr Pfarrer Peter Krause in Sachsenhausen
erstellt von Mathias Wolf am 05.11.2016, zuletzt bearbeitet am 31.10.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv