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Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden
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Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden

Andacht von Pfarrer Christian Guth, Gransee

An diesem Wochenende ist Totensonntag. Ich nehme das in jedem Jahr zum Anlass, auf den Friedhof an meinem Heimatort zu gehen. Viele Menschen haben für diesen Tag die Gräber extra in Ordnung gebracht, schon für den Winter eingedeckt, teilweise sogar verziert. Bei manchen Gräbern spürt man, wie groß der Verlust für die Angehörigen war, als der Mensch, zu dem das Grab gehört, verstarb. Spürt, welch große Zuneigung noch immer besteht.
Auch wenn jährlich viele Menschen am Totensonntag auf dem Friedhof zusammenkommen, so weiß ich zugleich, dass diese Auseinandersetzung mit dem Tod nicht jedem leichtfällt. Doch sie ist unglaublich wichtig. Zum einen, um sich an die Menschen zu erinnern, die vor uns aus diesem Leben geschieden sind, zum anderen, weil wir uns selbst unserer eigenen Endlichkeit bewusstwerden. Und ja, vielleicht liegt gerade in dem Letzteren für manchen auch die Scheu vor diesem Tag und dem Gang auf den Friedhof.
Im 90. Psalm hat ein Dichter vor deutlich mehr als 2 Jahrtausenden gebetet: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Ich muss sterben. Das ist ein Gedanke, den ich gerne verdränge. Aber wenn ich mir das bewusstmache, dann ändert sich mit einem Mal alles. Da blicke ich plötzlich ganz anders auf mein Leben: Was ist es denn, was in meinem Leben wirklich zählt? Was wäre, wenn ich morgen gegen einen Baum führe und plötzlich tot wäre? Was ist der Sinn meines Lebens? Und schließlich auch: Was wird nach meinem Tod sein?
Als Christ finde ich an dieser Stelle Halt in meinem Glauben: in der Zuversicht darauf, dass es neben dieser zeitlichen und endlichen Welt eine andere Welt gibt, die ewig ist. Dass mein Tod zwar das Ende meiner irdischen Existenz sein wird, aber nicht das Ende meines Seins. Sondern dass mein Leben ein Ziel hat, das außerhalb dieser Welt liegt: die Gemeinschaft mit Gott und mit allen, die ebenfalls aus dieser Welt in die Ewigkeit eingegangen sind.
Wenn ich morgen auf den Friedhof zu den Gräbern mir lieber Menschen gehe, werde ich in dieser Hoffnung Trost finden. In dem Glauben, dass die Trennung, die ich im Augenblick erlebe, zeitlich und begrenzt ist, die Gemeinschaft aber ewig sein wird.
erstellt von Mathias Wolf am 21.11.2016, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
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