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Andacht von Ruth-Barbara Schlenker, Pfarrerin in Grüneberg

Sie sind so ein fröhlicher Mensch, warum befassen Sie sich mit solch finstren Themen? - werde ich gefragt, als ich von dem Jugendprojekt überLAGERt erzähle, das in meinem Heimatdorf gestartet ist und die Geschichte des Ravensbrücker KZ-Außenlagers Grüneberg erforschen will. Und: „Macht das überhaupt Sinn? Die Menschen ändern sich ja doch nicht!“. Tja, denke ich, ist das ein Grund, auf der Stelle stehen zu bleiben, womöglich einen Schlussstrich ziehen zu wollen? Nein, als Christin bin ich ein Mensch auf dem Wege. Wir kommen von Karfreitag her und gehen auf Ostern zu, von Kreuzigung und Verzweiflung zu Auferstehung und Hoffnungsgewissheit. Karfreitag sagt uns: Das Leid ist in der Welt. Viel unverschuldetes, aber auch viel verschuldetes Leid. Das wollen wir nicht vergessen, sondern erinnern. Nicht die Täter dürfen den Schlussstrich ziehen, sondern ausschließlich die Opfer. Und von deren Seite höre ich immer wieder: Vergeben Ja, vergessen Nein. Deshalb befasst sich eine fröhliche Christin unserer Region mit solch finsteren Themen wie der Folter an Unschuldigen in ihrem Heimatdorf. Ich bin überzeugt: Ja, wir Menschen lernen, denn wir haben Ostern und damit das Angebot, täglich neu zu beginnen und es besser zu versuchen, sogar unter der Vergebung.
Macht es uns die Natur nicht wieder vor? Totgeglaubtes sprießt und ungeahnte Kräfte streben zum Leben in Fülle. Gott rückt es uns immer wieder vor Augen, dass wir es auch ja erfassen: Wir müssen nicht erstarren, sondern wir dürfen uns vorwärtstreiben lassen ans Licht, ans Helle, uns wird vergeben. Aber das Leid gehört dazu, es ist nicht wegzuschieben, sondern anzuschauen und zur Sprache zu bringen. So verstehe ich die Aufforderung aus dem Kolosserbrief: „Eure Rede sei freundlich und mit Salz gewürzt.“ Ich bleibe bei Beidem, weil ich ein Mensch auf österlichem Wege bin. Ich wünsche uns für unser Unterwegssein Gottes Segen.
Ihre Pastorin Ruth-Barbara Schlenker aus Grüneberg.
erstellt von Mathias Wolf am 08.05.2017, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv