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Du siehst mich
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Du siehst mich

Andacht von Tobias Ziemann, Gutengermendorf

Nun also schon wieder Terror. Wieder ein Anschlag - diesmal mit über 20 Toten und mehr als 50 Verletzten. Ein schönes Konzert sollte es werden, ein warmer Abend in Manchester. Dann der Knall. Und danach steht deine Welt auf dem Kopf, Chaos bricht aus. Wenig ist bisher über den Hintergrund der Tat bekannt. Ein Selbstmordattentäter soll es gewesen sein; ein Mensch, der am Montagabend das Leben so vieler Familien zerstört hat. Ein Mörder, dem nichts und niemand heilig war.
Und nun der Kirchentag, der heute Abend beginnt. Da kommen tausende Menschen aus ganz Deutschland nach Berlin und eine Lawine von Veranstaltungen rollt über die Stadt. Da werden Schulen zu Schlafsälen, Konzerte klingen unter freiem Himmel und das Tempodrom wird zu einem Dom für den Rockgottesdienst aus Zehdenick. Beim Abschlussgottesdienst in Wittenberg will man am Sonntag über 100.000 Gäste begrüßen. Und heute findet nach den Eröffnungsgottesdiensten der Abend der Begegnung zwischen Brandenburger Tor und Friedrichstraße statt. Unzählige Gäste und Einheimische kommen miteinander ins Gespräch. Und es ist verdammt gefährlich.
Niemand kann garantieren, dass auf diesem Kirchentag kein Unglück geschieht. Ein Gottesdienst auf dem Breitscheidplatz wird am morgigen Himmelfahrtstag an den Terroranschlag vom Dezember in Berlin erinnern, der vielen noch in den Knochen steckt. Längst ist die Angst auch bei uns angekommen.
Und dennoch feiern Christen Kirchentag. Wir lassen uns sehen und hören in der Welt, auf großen und kleinen Veranstaltungen ohne Zugangskontrollen. Die Überschrift des Treffens lautet in diesem Jahr „Du siehst mich.“ Ja, man wird uns sehen.
„Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Dieses Motto stammt aus einer wenig bekannten Geschichte der Bibel. Darin erfährt eine verzweifelte Frau Trost in der Zusage eines Engels: „Gott sieht dich.“ Er ändert ihr schweres Schicksal nicht sofort. Aber sie weiß sich gesehen und getragen in der Not. Für mich heißt das heute auch: nicht jedes Schicksal lässt sich sofort ändern. Nicht jede quälende Situation kann ich verlassen. Aber die Zusage des Engels gilt gerade in solchen Augenblicken: Gott sieht dich. Und dein Schicksal bewegt ihn.
Tausende Menschen werden von heute an über genau diese Geschichte nachdenken – auch angesichts des Terrors in Manchester. Sie werden davon singen, darüber streiten und darin Hoffnung finden. Und Gott wird uns sehen.

Ihr
Tobias Ziemann, Gutengermendorf
erstellt von Mathias Wolf am 24.05.2017, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv