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Geh aus, mein Herz!
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Geh aus, mein Herz!

Andacht von Pfarrer Peter Krause, Sachsenhause

Wie kannst du das nur so sagen? Hast du denn gar kein Mitgefühl? So möchte ich fragen, wenn mein Gegenüber dabei ist, seine abfällige und harte Meinung gegenüber anderen Menschen zum Besten zu geben. Eigentlich komme ich gut mit ihm aus, aber ich spüre, wie seine Sicht auf die Dinge eben doch festgefahren ist und manches einfach nicht hineinzupassen scheint, was andere fühlen oder wie sie handeln oder dann vielleicht auch, wo Schwächen sichtbar und Menschen dadurch angreifbar werden. Ich kenne mich ja auch selbst. Ich weiß, wo mein eigenes Herz schlägt und wie eng meine eigenen Toleranzgrenzen oft gesetzt sind. Je mehr ich eintauche in meine Alltags- und Arbeitswelt, eintauche in das Leben, wo es erst einmal wichtig ist zu funktionieren, umso mehr brauche ich fertige Antworten, die mir helfen, auch in kurzer Zeit Entscheidungen immer parat zu haben. Das spart Kraft und gibt dann Raum für anderes. Aber will ich eigentlich so schnell urteilen? „Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben.“ So beginnt das schöne Lied von Paul Gerhard, das wir in den Gemeinden im Sommer gern singen. Wie oft habe ich im Alltag das Gefühl, mein Herz eher zu bitten: Bleib lieber hier zu Hause, denn wenn du erst einmal ausschwirrst und dich dann zurückmeldest, dann brauchst du meine Aufmerksamkeit und ich brauche Zeit auch noch für dich. Aber du weißt, die Zeit ist meistens knapp. Wo soll ich dich da nun noch reinschieben? Da, wo du dich meldest, mein Herz, ungeplant und ungewollt, da stellst du mein nüchternes Denken und meine festen Maßstäbe in Frage, die ich bei mir und anderen anlege. Du zeigst mir, wie bunt diese Welt ist und in wie vielen Farben sie schimmert. Du, mein Herz, lässt mich etwas davon spüren, wie unterschiedlich Menschen diese Welt wahrnehmen können, obwohl sie doch ganz dicht beieinander leben. Du, mein Herz, lässt mich erahnen, was Menschen innerlich wirklich bewegt. Du erinnerst mich daran, wieviel wir Menschen immer mitnehmen von dem, was uns in unserem je eigenen Leben bis hierher schon an Schönem und auch Anstrengendem begegnet ist. Wie wahr ist wohl die Einsicht: Jeder Mensch ist einzigartig und gerade darin einzigartig wertvoll! Im Alltag kann diese Unterschiedlichkeit manchmal auch zur Last werden und dann ist es gar nicht immer leicht, damit umzugehen und es braucht Kraft und Zeit, zueinander zu finden. Bietet nicht gerade die Sommerzeit mit ihren größeren Freiräumen eine Möglichkeit, mein Herz eben doch einmal auf Reisen zu schicken, wie Paul Gerhard es besingt? Indem ich heraustrete aus dem täglichen Trott und eintauche in andere Sichtweisen, Kulturen und Lebensweisen. Man muss dazu gar nicht immer in die Ferne reisen. Auch ein gutes Buch kann unser Herz auf Reisen schicken. Was wird es in uns bewirken, wenn das Herz berührt sein wird? Das ist und bleibt wohl immer wieder spannend und ist nicht vorhersehbar. So ist das Leben. So lebendig und spannend kann Leben sein. Mein Herz - alles was dich berührt, hat Wert. Und alles, was wirklich zu Herzen geht, wird längere Zeit in mir nachschwingen. Und es wird mein eigenes Fühlen, Denken und dann auch Urteilen über andere auf den Prüfstand stellen. Wie gut, dass es dich gibt: Mein Herz!
Ihr Pfarrer Peter Krause in Sachsenhausen
erstellt von Mathias Wolf am 29.07.2017, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
veröffentlicht unter: Andachtsarchiv