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Versöhnung
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Versöhnung

Andacht von Ruth-Barbara Schlenker, Pastorin in Grüneberg

Stellen Sie sich vor, Sie sind bei dieser klirrenden Kälte nur mit einem Baumwollkleid, dünnen Strümpfen, grober Unterwäsche und in Holzschuhen draußen unterwegs. Der Magen knurrt, der Rücken schmerzt von den Schlägen, Sie sind müde und ausgelaugt, haben nur wenig geschlafen vor Kälte, die Läuse krabbeln im Haar, die Wanzen und Flöhe piesacken die ganze Nacht, seit Tagen schon durften Sie sich nicht waschen, und die Wäsche ist schmutzig und kaputt. Vor Ihnen liegt eine 12-Stunden-Schicht, morgen auch wieder und übermorgen auch, sechs Tage in der Woche. Mit Messingspänen und Chemikalien haben Sie es zu tun, die Finger sind aufgerissen und schmerzen in der Kälte noch mehr. Warum sind Sie hier? Sie haben als 18-Jährige in der Hauptstadt Ihrer Heimat Flugblätter in die Briefkästen geworfen gegen die rechtsextreme „Heimatfront“ und gegen den Einmarsch der Deutschen Wehrmacht. Dabei sind Sie erwischt worden und wurden mit 60 anderen jungen Frauen aus dem Widerstand nach Ravensbrück verbracht. Nun müssen Sie in der Munitionsfabrik Grüneberg Patronen herstellen, die im Feld Ihre Brüder und Väter töten sollen. Viele Frauen sind in Grüneberg im Ravensbrücker KZ-Außenlager gestorben oder ermordet worden. Überlebende wurden kürzlich von Grüneberger Jugendlichen nach ihren Erlebnissen befragt. Die über 90-Jährigen waren allesamt überaus freundlich, sie waren glücklich, dass sich junge Leute für ihre Geschichte und Geschichten interessierten. Ein Stück Versöhnungsarbeit wurde geleistet. Die Kollekte, die am morgigen Holocaustgedenktag in unseren Gottesdiensten gesammelt wird, ist für die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. bestimmt. „Darum kehret um, so werdet ihr leben“, so heißt es im Buch des Propheten Hesekiel. Immer wieder bemühen sich Freiwillige der Aktion Sühnezeichen in ihren Friedensdiensten, diese Umkehr einzuüben. Sie gehen zu jüdischen Überlebenden und ihren Kindern. Sie arbeiten in Lebensgemeinschaften mit Menschen mit Behinderungen. Sie unterstützen Flüchtlinge, die wegen Verfolgung und Krieg ihre Heimat verlassen müssen. Jedes Jahr entsendet Aktion Sühnezeichen Friedensdienste über 170 Freiwillige ins europäische Ausland, nach Israel und in die USA. Bitte gehen Sie morgen in die Kirche und unterstützen Sie diese christliche Friedensarbeit.
Es grüßt Pastorin Ruth-Barbara Schlenker aus Grüneberg.
erstellt von Matthäus Monz am 29.01.2019, zuletzt bearbeitet am 14.02.2019
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