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Immer die alten Lieder
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Immer die alten Lieder

Andacht von Pfarrerin Beate Wolf, Menz

In den Kirchen werden oft sehr alte Lieder gesungen. Manchmal klingen sie komisch. Aber manchmal ist ihre uralte Sprache voll direkt und erschreckend klar.
Zum Beispiel das Lied „Jesu geh voran“ von 1725.
Dass wir sowas noch singen! Ich muss da immer grinsen, so altertümlich klingt das.
Aber dann fällt mir ein, was mir immer im Gebirge passiert. Ich liebe ja Bergwandern! Da gibt es nur ein klitzekleines Problem: Ich habe panische Höhenangst. Was hat mein Mann nicht schon für hysterische Kreisch-Attacken erdulden müssen, wenn ich auf einem schmalen Felsgrat glaubte, weder vor noch zurück zu können. Doch bevor wir endgültig auf Radtouren in Holland umsteigen mussten, gab uns ein alter Tiroler Bergführer den entscheidenden Tipp. Mein Mann nimmt ein kurzes Seil in seine Hand und ich nehme das andere Ende. Und schlagartig sind alle meine Ängste verflogen, weil ich ihm vertraue. Ich fühle mich gehalten, aber nicht beengt.
Und genauso ist das mit Jesus in meinem Leben. Es gibt ein inneres Band, an dem er leise zieht, wenn ich falsch laufe. Nennt sich übrigens Gewissen!
Jesus geht den Weg mit mir, egal auf welchen Klippen ich herumirre. Einmal, zu DDR-Zeiten saß ich in einem Stasi-Keller in einer Zelle. Da saß er direkt neben mir. Und kein Schloss konnte ihn aussperren. Und ich habe gelacht, das hat der Stasi gar nicht gefallen!
Seitdem weiß ich: Es gibt keinen finsteren Ort, an dem Jesus mich nicht hält. An einem kleinen Seil der Liebe. Und dann singe ich aus voller Inbrunst: „Jesu geh voran, auf der Lebensbahn“. Dieses Lied mit seinen komischen und doch so passenden Worten. Mit seiner Ohrwurm-Melodie. Das ist der Grund, warum wir in der Kirche nicht nur modernes Zeug singen, sondern die wuchtigen alten Choräle. Gönn dir!

Pfarrerin Beate Wolf, Menz im März 2019

erstellt von Mathias Wolf am 18.03.2019, zuletzt bearbeitet am 24.03.2019
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