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An die Gemeinden des KK Oberes Havelland
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An die Gemeinden des KK Oberes Havelland

Wort des Superintendenten und Beschluss der Kreissynode

Liebe Schwestern und Brüder, sehr geehrte Damen und Herren,
die Kreissynode des Kirchenkreises Oberes Havelland hat auf ihrer Tagung am 10.November 2018 in Grüneberg das nachfolgende Votum beschlossen und bittet es, in der Öffentlichkeit und in den Gemeinden bekannt zu machen und zu thematisieren.
In meinem Bericht auf der Kreissynode habe ich als Hinführung und Einbringung dazu ausgeführt:
„Bevor in unseren Gemeinden GKR´e neu gewählt werden, finden im Land Brandenburg Kommunalwahlen, Europawahlen und Landtagswahlen statt. Das politische und gesellschaftliche Klima ist angespannt und die Sorge groß, dass es zu politischen Verwerfungen durch rechtspopulistische und rechtsextreme Strömungen kommt. Antisemitismus, Schwerpunktthema unserer Frühjahrssynode, ist nicht überwunden, sondern auch 80 Jahre nach den Novemberpogromen in Deutschland ein gesamtgesellschaftliches Phänomen und Problem, dass sich nicht auf Antisemitismus unter Deutschen oder unter Migranten reduzieren lässt. Ich bin beeindruckt von jeder Initiative, die versucht, Spuren vergangenen jüdischen Lebens in unseren Dörfern und Städten wieder zu entdecken oder lebendig zu halten. An vielen Orten ist gestern an die Pogrome vor 80 Jahren erinnert worden. Hier in Grüneberg ist das Projekt „überlagert“ mit einer Handyapp, die die Gedenkorte zum Außenlager des KZ Ravensbrück erlebbar macht, vorgestellt worden- Helmut Gollwitzer, dessen Todestag sich gerade zum 25. mal gejährt hat, hat in seiner Dahlemer Buß- und Bettagspredigt 1938 gesagt: „Wir sind mitverhaftet in die große Schuld, dass wir schamrot werden müssen, wie biedere Menschen sich auf einmal in grausame Bestien verwandeln. Wir sind alle daran beteiligt, der eine durch Feigheit, der andere durch Bequemlichkeit, die allem aus dem Wege geht, durch das Vorübergehen, das Schweigen, das Augenzumachen, durch die Trägheit des Herzens, durch die verfluchte Vorsicht.“ Mahnende Worte, die aus dem Jahr 1938 in die Gegenwart hineinragen. …
Die inhaltliche Auseinandersetzung mit populistischen Bewegungen und ihren einfachen Antworten auf drängende Gegenwartsfragen, aber auch Widerspruch gegen ausgrenzenden, Gewalt befördernden Anfeindungen allein schon durch Wort und Schrift ist uns als Christen, als Gemeinden und als Kirche aufgetragen. Ich bin froh, dass sich viele Christen in ihren Orten auch gesellschaftlich und politisch engagieren und als Christen erkennbar sind. …
Ich finde es unerlässlich, dass wir als Christen Stellung beziehen und Partei ergreifen für Menschen, die unter Diskriminierung und Ausgrenzung leiden oder Opfer von Ausländerfeindlichkeit und Gewalt werden. Der Respekt vor jedem Menschen, der ein Ebenbild Gottes ist, erfordert dies und unser Glaube an die über Grenzen hinweg, Unterschiede überwindende Kraft unseres Glaubens ermutigt uns dazu, diesen Anspruch auch an die Gesellschaft zu richten, in der wir als Christen leben und die wir als Christen mitgestalten wollen. Gerade weil unsere Väter und Mütter im Stuttgarter Schuldbekenntnis
bekannt haben: „Wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ bitte ich die Gemeinden, sich für eine Kultur des Dialogs, der Verständigung, des Aufeinanderhörens, der Toleranz,
der Gastfreundlichkeit und der Nächstenliebe einzusetzen und sich einzumischen. Deswegen leben wir unsere Partnerschaften als Zeugnis dieser Kultur und dieser Glaubenspraxis. Wir Christen leben aus der Zuversicht und vertrauen der Kraft der Hoffnung. Wir widersprechen den Kräften der Furcht und des Hasses. Sie haben keine Zukunft und dürfen keine Macht über die Gedanken und die Herzen der Menschen gewinnen.
Ermutigt von der Tagung der Kreissynode grüße ich Sie alle ganz herzlich

Uwe Simon, Superintendent


Wort der Kreissynode am 10.November 2018

Wir erinnern:
11. November 1918 endete der erste Weltkrieg. In den Jahren 1914 bis 1918 starben durch die Folgen dieses Krieges annähernd 20 Millionen Menschen.
Wir erinnern:
Am 9.11.1923 wurde durch die NSDAP der erste Putschversuch gegen die demokratische Ordnung versucht.
Am 9.November 1938 trat die Gewalt der Nationalsozialisten offen zutage.
Wir erinnern:
Am 9.November 1989 fiel die Berliner Mauer und Grenzen öffneten sich. Der Mauerfall steht für die Sehnsucht nach Freiheit.

Pfarrer Helmut Gollwitzer bekannte am Buß- und Bettag 1938 in seiner Predigt in Berlin- Dahlem:
„Wir sind mitverhaftet in die große Schuld, dass wir schamrot werden müssen, wie biedere Menschen sich auf einmal in grausame Bestien verwandeln. Wir sind alle daran beteiligt, der eine durch Feigheit, der andere durch Bequemlichkeit, die allem aus dem Wege geht, durch das Vorübergehen, das Schweigen, das Augenzumachen, durch die Trägheit des Herzens, durch die verfluchte Vorsicht."
Am 19.Oktober 1945 bekannte die EKD im Stuttgarter Schuldbekenntnis: „aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Wir erinnern und machen uns deshalb die Erklärung der Christen der Berliner Kirchenkreise Steglitz und Teltow-Zehlendorf zu Eigen und halten fest:

„Enthaltung ist keine Haltung. 80 Jahre nach den Novemberpogromen verurteilen wir öffentlich:
• das Schüren und das Ausnutzen von Angst in einer sich schnell verändernden Welt. Bei Veränderungen ist Ausgrenzung von Menschen das Problem, nicht die Lösung.
• die hemmungslose Hetze im Schutz des anonymen Netzes. Sie ist feige.
• das kalkulierte Verschieben der verbalen Schamgrenze in politischen Beiträgen. Wer das tut, bereitet den Boden für Gewalt. Eine Partei, die solche Redner gewähren lässt, kann keine Alternative sein.
Wir treten öffentlich dafür ein,
• einen zivilen Umgang in Wort und Tat zu verteidigen
• Menschen nach ihrer Haltung, nicht nach ihrer Herkunft zu beurteilen
• zusammenzuhalten in einer großen Koalition der Vernünftigen unter Deutschen und Migranten gegen eine kleine Minderheit von Radikalen auf beiden Seiten
Wir stehen zu einem Deutschland, das
• bereit bleibt, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen
• Europas Einigung bejaht und sich weltoffen zeigt und darin selbstbewusst ist“

Zukunft braucht Erinnerung. Darum bitten wir unsere Gemeinden aus Anlass der Jahrestage zum Ende des ersten Weltkrieges, der antijüdischen Novemberpogrome und des Mauerfalls, aber auch mit Blick auf die Kommunal-, Europa- und Landtagswahlen, aber auch die GKR- Wahlen 2019 um Orte und Zeiten der Erinnerung. Wir bitten sie, nicht nachzulassen im Gebet und im Eintreten für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Mit Dietrich Bonhoeffer bekennen wir: „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen“ (Widerstand und Ergebung, 1977, S.322).
Grüneberg, den 10.November 2018
Die Kreissynode des Kirchenkreises Oberes Haveland
erstellt von Mathias Wolf am 13.11.2018
veröffentlicht unter: Kreissynode

Diese Information ist auch in der Newsliste des Kirchenkreises zu sehen.