Start Willkommen im Kirchenkreis Gremien Arbeitsgruppe für Flucht und Migration Artikel: Lesbos ist eine Reise wert

Lesbos ist eine Reise wert

Bericht von einem Aufenthalt auf Lesbos im Oktober 2016

Lesbos ist eine Reise wert – Dieser Satz steht hier am Anfang, weil der Touristenrückgang auf der Insel in diesem Jahr dramatisch war und auch Auswirkungen auf die Arbeit mit und für geflüchtete Menschen hat. Der Rückgang liegt zwischen 70 und 90% gegenüber dem Vorjahr. Das betrifft nur Lesbos in dieser Weise und hat eindeutig damit zu tun, dass Menschen nicht auf einer Insel Urlaub machen wollen, von der sie wissen, dass dort viele Flüchtlinge leben. „Ich finde das so doof“, sagte mir ein gut deutsch sprechender Gastwirt, der auch in der Flüchtlingsarbeit engagiert ist. „Wir versuchen alles, um die Stimmung und das Leben hier für alle gut zu machen, und werden auf diese Weise gestraft.“ Daher vorweg: man kann wunderbar Urlaub machen auf Lesbos – auch jetzt.
Aber in der lokalen Bevölkerung nehmen die Ressentiments gegen Flüchtlinge zu. Wenn die Existenzbedingungen der einheimischen Bevölkerung noch schlechter werden, wird das Engagement für Flüchtlinge auch schwieriger.
Gerade auf diesem Hintergrund war es für uns beeindruckend zu sehen, was sich seit dem letzten Jahr verändert hat und wie entschieden sich die griechische Initiative für die Geflüchteten einsetzt. In diesem Jahr waren wir zu dritt in dem Projekt. Saskia Waurich, Gemeindepädagogin aus dem „Kirchenkreis Oberes Havelland“ war zehn Tage mit, um sich persönlich einen Eindruck zu verschaffen, weil sie in Zukunft für den Kirchenkreis den Kontakt halten wird. Außerdem war noch eine Woche mein 30 jähriger Sohn mit uns in dem Projekt und eben ich, Ute Gniewoß, die nun zum dritten mal dort war und inzwischen nach Berlin Kreuzberg umgezogen ist. Unsere Tage sahen so aus, dass wir etwa sechs Stunden am Tag in „Pikpa“, der selbst organisierten Herberge, gearbeitet und ansonsten angeschlossene Initiativen besucht haben. Außerdem haben wir das Leben genossen.

Auf der Insel sind im Moment etwa 5700 Flüchtlinge, die meisten sind in Moria, einer staatlichen Einrichtung untergebracht, einige in Kara Tepe und etwa einhundert in Pikpa. Moria ist mit etwa 2000 Menschen überbelegt. Im letzten Jahr waren viel mehr Flüchtlinge dort, aber sie blieben nicht. Die allermeisten zogen nach wenigen Tagen weiter. Länger geblieben sind nur die, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht weiterkonnten. Daher war die Herausforderung vor einem Jahr vor allem die der Erstversorgung mit Essen, Kleidung, Medizin.
Jetzt sieht die Situation ganz anders aus. Die wenigsten Flüchtlinge haben die Möglichkeit weiterzureisen. Die meisten „sitzen in der Falle“, nämlich der Falle des EU-Türkei Deals. Sie können die Insel nicht zur Weiterreise verlassen und wissen nicht, ob sie in die Türkei abgeschoben werden. Das „Abschieben“ funktioniert nicht so wie erwartet – bisher waren es ca. 400 Menschen, die meisten letztlich mehr oder weniger „freiwillig“. Es sind auch griechische Verantwortliche, die den Prozess eher verlangsamen als beschleunigen, weil sie die Abschiebung oft nicht mit ihren Menschenrechtsstandarts vereinbaren können.

Für die Geflüchteten ist dies eine psychisch sehr schwierige Situation. Nach meinem Eindruck sind es besonders die Väter und Mütter, die in ihr irre werden, weil sie keine Möglichkeit sehen, die Verantwortung für ihre Familien wahrzunehmen. Wir haben von mehreren Suizidversuchen gehört.

Für die Initiative „Das Dorf der alle zusammen“ oder auch „Lesvos solidarity“, wie sie sich jetzt im Internet nennt, liegt die Herausforderung nun darin, Angebote zu machen für Menschen, die auf unbestimmte Zeit bleiben. Neben die Basisversorgung ist ein ständiges Beratungsangebot, Sprachkurse, kleine Arbeitsangebote und Freizeitgestaltung getreten. Das geschieht an verschiedenen Orten – in Pikpa selbst gibt es z.B. einen regelmäßig stattfindenden Kindergarten, in dem Saskia mitgearbeitet hat. Dort engagiert sich z.B. eine etwa 70 jährige Freiwillige. Sie ist Irin, hat Bücher über Erziehung geschrieben und Erziehungswissenschaften an der Universität gelehrt. Nun war sie bereits ein halbes Jahr hier und wird nach einem kleinen Urlaub zuhause ein weiteres halbes Jahr kommen. Sie hat Freiwillige angeleitet und den kleinen Kindergarten in einem stabilen großen Zelt mit etwa 15 Kindern betreut und gut ausgestattet.

Diese Frau war eine von den vielen Menschen, die uns als Freiwillige dort beeindruckt haben. Wer in dem Camp mitarbeiten will, bekommt nur ein Mittagessen umsonst und muss ansonsten sein Leben selbst organisieren und bezahlen. Es gab dort einige Freiwillige, die keine Verantwortung für eine eigene Familie haben und daher ihre Berufslaufbahn unterbrechen und hier auch für längere Zeit mitarbeiten. Und auch Menschen, die ihre eigenen Kinder schon großgezogen haben oder als Singles leben und sich nun eine Auszeit organisieren. Auf einem Graffiti heißt es: „Drop everything lets embrace discomfort. As others carry on, we take the other path” (Lass alles fallen, lasst uns die Unbequemlichkeit umarmen. Während andere weitergehen, nehmen wir den anderen Weg.) Mich hat dieser Spruch beeindruckt - es war eine Art Ehrenamtsverständnis, das nicht angreift, aber klar sagt, dass man in dieser Zeit verschiedene Optionen hat, sich zu der Flüchtlingssituation zu verhalten.

Ein Paar war aus Spanien drei Monate lang mit dem Fahrrad angereist. Eine junge Engländerin hat sich grundsätzlich entschieden, immer wieder hierher zu kommen und verdient zwischendurch mit allen möglichen Jobs Geld, bis es wieder für eine Weile reicht. Ein italienisches Ehepaar arbeitete mit, der Mann wurde besonders von den kleinen Kindern geliebt, die ihn an die Hand nahmen und mit ihm über das Gelände spazierten.

Die Flüchtlinge, die wir näher kennenlernen konnten, sind alle gezeichnete und gleichzeitig starke Menschen. Da war eine Syrerin, die es mit vier Kindern bis hierher geschafft hat, zwei der Kinder waren körperbehindert und saßen im Rollstuhl. Zwei junge pakistanische Männer fielen mir auf. Sie waren in ihrem Verhalten wie eingefroren, bewegten sich kaum, sprachen fast nicht. Als ich einen bat, eine Kiste anzuheben, sagte er, das könne er nicht, er habe gerade eine Operation gehabt. Da sah ich das große Pflaster, das oben aus seinem T-Shirt herausschaute.
Ich sagte: Oh sorry, I didn t know. What happened?
Er antwortete: I don t know.
Diese beiden jungen Männer waren dreimal in der Kleiderkammer, in der ich gearbeitet habe. Sie haben fast nichts genommen, aber nach 10 Tagen Ruhe in Pikpa waren sie wieder da. Der eine schaute mich direkt an, lächelte und sagte: Well, mother, perhaps you can find a nice pair of pants for me today. 10 Tage Ruhe waren heilsam für die beiden. Sie konnten wieder den Blick erheben und lächeln und sprechen. Ihr Leben ist nicht heil, aber es hat die Chance

Einmal saß ich bei zwei Mädchen. Die eine kämmte der anderen die Haare und flocht ihr einen Zopf. Wir sprachen. Ich fragte eins der Mädchen, ob sie mit ihren Eltern hier sei. Ihre Antwort war: No, mother finished Taliban, sister also killed.
Wie viel Grauen in so einem kurzen Satz.
Übrigens lernen die Kinder dort sehr schnell englisch – ein paar Wochen Kindergarten und sie sprechen englisch. In Pikpa ist nichts perfekt, aber es gibt eine Freundlichkeit und ein Bemühen für die Geflüchteten, das große Menschenliebe bezeugt. Dort leben nach wie vor Menschen, die in besonderer Weise verwundbar sind: Behinderte, Kranke, Mütter, die gerade ein Kind bekommen haben oder schwangere Frauen und Menschen, die ihre Angehörigen verloren haben. Sie wohnen in kleinen Holzhäusern oder Zelten oder kleinen Plastikhäusern, die der UNHCR gespendet hat. Für den Herbst heißt eins der Vorhaben, noch sechs kleine Holzhäuser mit eigener Behindertentoilette zu bauen, weil es für die Behinderten trotz Rampe sehr beschwerlich ist, auf dem abschüssigen Gelände bis zu den gemeinsamen Toiletten- und Waschräumen zu kommen.

Die Initiative hat außerdem in der Stadt Mytilini, die etwa drei Kilometer entfernt liegt, ein großes Haus gemietet. Das Haus heißt Mosaik – support center. Dort finden viele Sprachkurse (besonders griechisch und englisch) statt. Abends können Griechen in dem Zentrum Farsi und arabisch lernen. Es gibt eine Kinderbetreuung, eine Bibliothek, einen kleinen Hof, in dem Kaffee getrunken wird, eine Taschenwerkstatt und eine kleine Web- und Kunstwerkstatt. In den Werkstätten werden aus Recyclingmaterial - z.B. aus den Rettungswesten und Schlauchbooten - Dinge hergestellt, die verkauft werden. Dort arbeiten Flüchtlinge mit und bekommen für ihre Arbeit Geld. Die Anmietung des Hauses war möglich geworden, weil ein Spender erst mal die Miete für ein Jahr übernommen hat.

Außerdem arbeitet die Initiative weiterhin an einem Restaurant. Es ist noch eine Baustelle, aber es wurde schon viel geschafft. Leider ist die Bürokratie in Griechenland mindestens so eine Hürde wie in Deutschland – auch wenn unser Bild oft anders ist. Das zukünftige Restaurant liegt mitten in der Altstadt in einem alten Haus. Geplant ist dort von Flüchtlingen preisgünstiges Essen herstellen und verkaufen zu lassen. Darüber hinaus plant die Initiative in Kooperation mit „Ärzte ohne Grenzen“ eine alte Klinik wieder betriebsbereit zu machen.

Von einem Erlebnis möchte ich noch erzählen. Einige von Ihnen haben durch die Nachrichten mitbekommen, dass es in dem Flüchtlingscamp Moria gebrannt hat. In der Nacht des Brandes wurden 96 Minderjährige evakuiert und nach Pikpa gebracht.
Sie blieben zwei Nächte und einen Tag, bis sie nach Moria zurückkehren konnte. Zu den Bewohnern von Pikpa kamen nun auf einen Schlag 96 dazu. Es wurden Matratzen herangebracht, gekocht und alle Freiwilligen hatten den Auftrag, mit den Jugendlichen zu sprechen und etwas mit ihnen zu machen, was ihnen Spaß bereiten könnte. Mit manchen gab es längere Gespräche, andere wollten sich einfach nur ausagieren, Fußball spielen oder das Gelände erkunden.
Als die Jugendlichen wieder gingen, mussten sie sich in zwei Reihen aufstellen und ihre Namen wurden laut aufgerufen. Immer wieder, die Betreuer hatten zum Teil Probleme mit den arabischen Namen, mache klangen ähnlich. Wenn die Jugendlichen ihren Namen hörten, riefen sie „Yes“ oder „Here“. Die Jugendlichen standen da und wir Freiwilligen saßen in der Nähe und beobachteten die Szene. Sind alle da? Fehlt auch keiner? Ist keiner verloren gegangen in diesem Durcheinander?
Erst dachte ich: das ist wie bei einem großen Klassenausflug vor der Rückfahrt. Aber dies war kein Klassenausflug. Es waren 96 junge geflüchtete Männer, manche noch fast Kinder, 14 Jährige, die noch nicht den Wachstumsschub hinter sich hatten und ältere, die schon ganz souverän und cool wirken wollten. „Sie werden bei ihrem Namen gerufen“ ging es mir durch den Kopf, wenigstens gibt es jemanden, der ihren Namen kennt und der jetzt will, dass sie alle da sind, dass keiner verloren gegangen ist.

Jeder von diesen war schon lange unterwegs, ohne Eltern, ohne Geschwister. Jeder hatte einen langen Weg hinter sich, alleine. Die Bedingungen, unter den sie hier leben, sind nicht optimal, aber es gibt Menschen, die sich kümmern. Ich fand es plötzlich so tröstlich, diese Namen zu hören. Und das „Yes, here I am“. Wer hatte sie früher bei ihrem Namen gerufen? Die Mutter, die sie vom Spielen wieder reinholen wollte? Der Kumpel, mit dem sie zusammen über das Meer gekommen sind? Und vielleicht lange Strecken niemand, weil niemand da war, der ihren Namen kannte?

Mir fiel ein Vers aus der Bibel ein: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“. Auch damals ein Trostwort, ein Trostwort für das Volk Israel im Exil. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen“. (Jesaja 43,1f.) Manche von diesen Jugendlichen sind dem Feuer von Aleppo entkommen, manche haben erlebt, dass andere Geflüchtete im Meer ertrunken sind. Aber sie sind noch da, sie leben und sie sollen leben. Und Gott sei Dank werden sie bei ihrem Namen gerufen.

Als ich nach knapp drei Wochen mein Mietauto zurückgab, standen da zwei sehr alte griechische Männer. Sie fragten mich, ob ich Urlaub auf der Insel gemacht hätte und ob es mir gefallen habe. „Ja“, sagte ich, „es hat mir sehr gut gefallen“. Sie schauten mich sehr direkt an, dachten einen Moment nach und einer sagte dann: „Bitte, kommen Sie wieder.“ Ja, wir kommen wieder.

Liebe Spenderinnen und Spender, bleibt noch zu sagen, dass die Initiative auf Lesbos nur von Spenden aus ganz Europa lebt und inzwischen natürlich erhebliche regelmäßige Kosten zu bewältigen hat. Eine große Freude war, dass Efi Latsoudi, eine der Gründerinnen, in diesem Jahr mit dem internationalen „Nansen-Preis“ des UNHCR ausgezeichnet wurde, was der Initiative eine große aber einmalige finanzielle Unterstützung eingebracht hat.
Was allerdings auf Dauer zählt, sind die vielen Spender und Spenderinnen, die mit kleinen Beträgen viel erreichen, weil sie viele sind.Und für die, die noch nicht gespendet haben, aber vielleicht spenden möchten, hier noch einmal die Kontonummer:

Empfänger: Evangelischer KK-Verband Eberswalde
Evangelische Bank e.G.
IBAN: DE 215206 0410 0603 9017 42
BIC: GENODEF1EK1
Bitte unbedingt angeben: Flüchtlingsarbeit KK Lesbos

Es grüßen Sie herzlich
Ute Gniewoß und Saskia Waurich

erstellt von Mathias Wolf am 31.05.2017, zuletzt bearbeitet am 06.11.2018
veröffentlicht unter: Arbeitsgruppe für Flucht und Migration